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Biberach - Das Thema ist sperrig, vielgestaltig und allgegenwärtig, das sich Judith Bihr als Entree im Museum Biberach vorgenommen hat: Konsum und was daraus wird — Müll. Und weil die 38-jährige promovierte Kunsthistorikerin neue stellvertretende Museumsleiterin ist, lautet der konkrete Titel der Ausstellung, die noch bis 16. April zu sehen ist: „Konsum in der Kunst“.

 

Damit setzt die gebürtige „Ostälblerin“ aus Aalen einen zeitkritischen Akzent, der im Biberacher Museum nicht neu ist. Zuletzt war es das Artensterben, das Museumsleiter Frank Brunecker in seiner Bienen-Ausstellung thematisierte. Kunst und Kultur als Medium zur Reflexion über Gesellschaft und Individuum und somit auch über Politik. Oder wie es Kulturdezernent Jörg Riedlbauer zur Ausstellungseröffnung formulierte: es bedürfe „kultureller Impulse und sozialer Kompetenzen“, um der großen Probleme Herr zu werden, „technische Innovationen reichen nicht aus“.
Ein Statement, das immer noch quer zum wirtschaftspolitischen Mainstream steht und von der Kuratorin als Widerspruch klar benannt wird. Der harmlose Begriff Konsum, der vom lateinischen Wort »consumere« stammt, was mit verbrauchen, verwenden oder verzehren übersetzt werden kann, hat sich als „Massenkonsum“ in den letzten 70 Jahren zum Krebsgeschwür entwickelt. Wir verbrauchen die Ressourcen dieser Welt maßlos, missachten die planetaren Grenzen und vermüllen damit unseren Planeten von der Tiefsee bis ins All. (Zuletzt klagte China über den vielen Schrott im All, der offensichtlich durch die Expansion eines Herrn Elon Musk in den Weltraum gefährlich zugenommen hat.) Fakt ist, unser Ressourcenverbrauch ist viel zu hoch: Für die Lebensweise der Deutschen würden im Weltmaßstab 2,9 Erden benötigt.

 

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Judith Bihr, die neue stellvertretende Museumsleiterin, führt bei der Eröffnungsveranstaltung in das Thema ihrer Ausstellung ein. Foto: Reck

 

Judith Bihr konstatiert: „Unsere Reaktion auf diese Entwicklungen besteht nicht darin, weniger zu konsumieren, sondern darin, den Konsum ‚grün‘ zu machen.“ Statt Benziner Elektroautos und statt Kohle- oder Atomstrom Sonnen- und Windstrom. „Diese Entwicklungen sind auch hinsichtlich der Klimakrise sehr wichtig“, betont Bihr. „Doch gleichzeitig führt der ‚grüne‘ Konsum nirgendwo auf der Welt zu einer Verringerung des absoluten Rohstoffverbrauchs. Es gibt zwar auch Entwicklungen, die Hoffnung machen. So ist zwar der Rohstoffverbrauch in den letzten zwei Jahrzehnten rasant gestiegen, doch hinterlassen mit Unterstützung der grünen Technologie die reichsten Konsumenten der Welt heute tatsächlich einen etwas kleineren ökologischen Fußabdruck als in der Vergangenheit. Dennoch richten sie pro Kopf weiterhin den größten Schaden an, denn sie konsumieren immer noch am meisten, und ihr Verbrauch steigt weiter. Was wir bisher getan haben, um unseren Konsum umweltfreundlicher zu machen, konnte nicht mit dem Wachstum unseres Konsumappetits Schritt halten.“
Ein radikaler Kritiker dieser Entwicklung ist Hermann Weber. Der Kunstprofessor stammt aus Mettenberg bei Biberach, wohnt nahe der französischen Grenze in der Pfalz und ist als Bauernsohn zum Feind der „industriellen Landwirtschaft“ geworden. Der aktive Naturschützer zeigt speziell zur Biberacher Ausstellung gefertigte Kollagen, die unseren gnadenlosen Umgang mit (Nutz-)Tieren anprangern. Sein Bezugspunkt ist der Glaube an die Heiligkeit der Schöpfung, verkörpert durch Jesus Christus. Seine Kunst ist schwere Kost und seine Botschaft unmissverständlich: Wir versündigen uns an unseren Mitgeschöpfen, Bekehrung ist notwendig. Hinschauen statt wegschauen, ist das Credo des 63-jährigen Künstlers.
Aber Webers Rigorosität gibt nicht die Ambivalenz wieder, die sich in den künstlerischen Positionen mit Blick auf den Massenkonsum, der ein Phänomen des 21. Jahrhunderts ist, spiegelt.
Bihr stellt fest: „Als die Industrialisierung die erste Konsumgesellschaft hervorbrachte, wurde dies von vielen Künstlern in Europa oftmals gefeiert.“ Schließlich ist Konsum ein Kind des Fortschritts und des Wohlstands. Und auch in der Pop-Art, die wiederum als Kind der Konsumgesellschaft gelten kann und Mitte der 1950er Jahre unabhängig in Großbritannien und den USA entstand, findet sich diese Ambivalenz wieder. Die Pop-Art „stellt die Alltagskultur, die Welt des Konsums, den Massenmedien und der Werbung entnommen, in den Mittelpunkt“, erklärt die Kunsthistorikerin. „Andy Warhol oder Roy Lichtenstein sind hier vielleicht die bekanntesten Beispiele. Wie die Avantgarden zu Beginn des 20. Jahrhunderts zielte die Pop Art auf eine Zusammenführung von Kunst- und Lebenswirklichkeit, um das veränderte und moderne Lebensgefühl widerzuspiegeln. Während die Pop Art den Konsum und die Warenästhetik einerseits feierte, deckte sie zugleich auch die Verführungskünste der Kapitalismus auf.“
Das ist des Pudels Kern. Judith Bihr: „Die Ausstellung ‚Konsum in der Kunst‘ widmet sich diesem Thema des Massenkonsums und reflektiert den gegenwärtigen Widerspruch, dass zwar einerseits das Bewusstsein für die Problematik eines Konsums ohne Rücksicht auf die Umwelt und die zunehmende Verschwendung und Erschöpfung von Ressourcen wächst, jedoch zugleich und gerade nach der Corona-Pandemie von der Notwendigkeit des Wirtschaftswachstums, das zumeist konsumgetrieben ist, nicht abgerückt wird. Die zu sehenden Arbeiten setzen dabei verschiedene Schwerpunkte.“ www.museum-biberach.de

 

Wie viel Wohlstand macht glücklicher? Mit dieser Frage beschäftigt sich auch Prof. Binswanger im Artikel „Pfadfinder gesucht“.

Autor: Roland Reck

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