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Biberach - Die Gleichzeitigkeit ist nicht abgestimmt, aber auch nicht zufällig. Das Thema sei „wichtig und relevant“, erklärt die Kunsthistorikerin Judith Bihr, deshalb passe auch die künstlerische Auseinandersetzung mit unserem Konsum und die Fragen nach dessen Ursachen und Folgen ins Museum als diskursiven Ort (siehe Artikel „Konsumgetrieben“). Und die Hochschule ist ein weiterer Ort in Biberach, an dem das Thema verhandelt wird. Zunehmend mit Nachdruck und wissenschaftlicher Expertise, aber auch mit öffentlichem Anspruch. So fanden im Oktober „Nachhaltigkeitstage“ als offene Veranstaltungen an der Biberacher Hochschule statt, die der Autor dieses Artikels nutzte, um schlauer zu werden. Ein persönliches Fazit — mit dem Mut zur Lücke.

 

Die Wissenslücken zeigten sich schon beim Referenten, der als hochkarätig angekündigt mir aber gänzlich unbekannt war: Professor Dr. Mathias Binswanger, Schweizer Ökonom, der sich sowohl mit Makroökonomie als auch mit Glücksforschung beschäftigt und aktuell dazu das Buch „Der Wachstumszwang. Warum die Volkswirtschaft immer weiterwachsen muss, selbst wenn wir genug haben“ veröffentlichte, hielt im Audimax seinen Vortrag. Begrüßt von Professor Dr. André Bleicher, Rektor der Hochschule, der zu erkennen gab, dass er sich als Betriebswirtschaftler und Soziologe intensiv mit Fragen der Volkswirtschaft beschäftigt. Der Hochschullehrer nahm sich im Folgenden auch noch die Zeit, meine Fragen zu beantworten.
Klar scheint, das Wirtschaftswachstum ist immer noch das Maß aller Dinge. Das Erste was man nach dem Abklingen der Pandemie von Seiten der Wirtschaftswissenschaften vernahm, waren Prognosen zum BIP, dem Bruttoinlandsprodukt, ein Maß mit dem das Wachstum einer Volkswirtschaft gemessen wird. Und wehe, es fällt nach Gutdünken zu knapp aus. Mathias Binswanger behauptet, es steigt stetig, weil es in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem steigen muss.

Ich fasse zusammen, was ich von Binswanger verstanden habe:

• Der Wissenschaftler belegt, dass das herrschende kapitalistische System nicht ohne kontinuierliches Wachstum auskommt.

• Es herrscht ein systemimmanenter Wachstumszwang.

• Was sowohl zu dem großen Wohlstand in den Industrieländern und dem weniger großen in vielen anderen Ländern geführt hat, als auch zu den globalen Umweltproblemen wie Artensterben und Klimakrise.

• Ein Umsteuern wäre notwendig, aber schwierig. Und das, obwohl in den reichen Industrieländern mehr Wohlstand nicht zu mehr individuellem Glück beiträgt. (Binswangers 2. Forschungsschwerpunkt)

• Der Konsumsättigung begegnet das kapitalistische System mit Konsumverführung insbesondere mit Hilfe von Werbung.

• Mit Blick auf die negativen Folgen des Wachstums und Ressourcenverbrauchs plädiert Binswanger für ein verringertes Wachstum, weil er einen Systemwechsel nicht für realistisch hält.

• Aktiengesellschaften, die er als Wachstumstreiber bezeichnet, könnten gezähmt und Genossenschaften als Alternativen gefördert werden.

• Globalisierung und internationale Konkurrenz (China) machen umsteuern unwahrscheinlich.

Letztlich hat Binswanger auch keine Lösung für das Grundproblem: Planetare Grenzen lassen kein grenzenloses Wachstum zu. Dem stimmt der Professor achselzuckend zu.
Das ist frustrierend, wenn man weiß, dass dieses Problem seit 50 Jahren mit der Veröffentlichung der „Grenzen des Wachstums“ vom Club of Rome seit 1972 selbst einer breiten Öffentlichkeit bekannt ist. Binswanger erklärt dieses wissenschaftliche Defizit mit den falschen Selektionsmechanismen in den Wirtschaftswissenschaften, wonach nur der oder die Karriere macht, der/die systemkonforme Forschung betreibt, was dazu führt, dass relevante systemkritische Fragen nicht gestellt werden und die Wirtschaftswissenschaften folglich in der Krise keine Antworten und schon gar keine Lösungen anzubieten haben. Ein Armutszeugnis.
Die politische Devise scheint immer noch zu sein: Zuerst kümmern wir uns um das Wirtschaftswachstum und dann um dessen (katastrophalen) Folgen. Mit zweifelhaftem Erfolg wie die Ergebnisse der jüngsten Klimakonferenz in Scharm el-Scheich zeigt.
Trügt der Eindruck, dass sich gehäuft Natur- und Ingenieurwissenschaftler kritisch mit den Folgen dieser verfehlten Wirtschaftspolitik auseinandersetzen und sich der Klimakrise aktiv zuwenden, indem sie sich in die gesellschaftliche Debatte einmischen oder gar Aktivisten werden? Der Biberacher Rektor widerspricht mir nicht und weiß spontan, einige Kollegen zu nennen, die auch außerhalb ihres Faches dazu forschen und lehren. Und an der Hochschule in Weingarten hält Wolfgang Ertel, Professor für Künstliche Intelligenz und Mitglied bei Scientists for Future, nicht nur Vorlesungen zur Nachhaltigkeit, sondern klettert auch auf Bäume, um seinen Protest kund zu tun und sich Gehör zu verschaffen.
Transformation ist das Zauberwort, mit dem der Prozess benannt wird, zu zukunftstauglichen Lösungen zu kommen, worum sich die Biberacher Hochschule auf Betreiben ihres Rektors verstärkt bemüht. Das neue Fach dafür heißt Industrielle Bioökonomie. Technische Lösungen sind das eine, die politische-soziale-wirtschaftliche Transformation ist das viel größere Thema, weiß Bleicher, der sich um die „sozialen Kipppunkte“ sorgt. Es geht um das Finden von Pfaden, die dahin führen, dass die Menschheit ihren Krieg gegen den Planeten beendet. Auch daran arbeitet der Wissenschaftler. Mit zwei Co-Autoren soll dazu im Frühjahr ein Buch erscheinen.
Gefragt, ob er sich zur „Tätergeneration“ zählt, schweigt André Bleicher (59) lange und meint schließlich: „Wir hinterlassen ein schweres Erbe.“

 

Autor: Roland Reck

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