Biberach - Geschichte wiederhole sich nicht, heißt es. Aber im Kino ist alles möglich, weiß man. Und in Biberach wird dieser Tage eine Aufführung gezeigt, die einem bekannt erscheint. „Nathalie Arnegger gibt Intendanz der Filmfestspiele ab“, titelte die Schwäbische Zeitung und Lokalchef Gerd Mägerle fordert forsch: „Den Reset-Knopf drücken“. Um Himmels willen, was ist geschehen?
Die aufmerksamen BLIX-LeserInnen erinnern sich. Schließlich gab es in der 20-jährigen Geschichte des Blattes noch nie drei Titel zum gleichen Thema in einem Jahr. „Zum Heulen. Familientreffen in Gefahr“, lautete der BLIX-Titel der März/April-Ausgabe 2021. Es ging dabei vor zwei Jahren um die Biberacher Filmfestspiele, das „Familientreffen“ des deutschsprachigen Films, die vor über 40 Jahren von dem Kino-Enthusiasten Adrian Kutter zum Leben erweckt wurden und sich mit grenzüberschreitender Strahlkraft prächtig entwickelten. Für diese Lebensleistung wurde Kutter in seiner Heimatstadt 2020 zum Ehrenbürger geadelt. Und die Fügung wollte es, dass mit Helga Reichert, Schauspielerin und deutlich jüngere Ehefrau und jahrelange Assistentin Kutters, ein Profi zur Verfügung stand, um dieses kulturelle Highlight als Intendantin fortzuführen, als ihr Ehemann 2018 die Leitung der Filmfestspiele abgab. Das schien auch ganz im Sinne des Vereins der Biberacher Filmfestspiele zu sein, dessen ehrenamtlicher Vorstand in enger Zusammenarbeit mit der Intendanz das mehrtägige Filmfestival und die Verleihung des Goldenen Bibers organisiert und durchführt. Eine Herkulesaufgabe, die nur gewuppt werden kann, wenn Intendanz und Verein eng und effektiv zusammenarbeiten.

Tobias Meinhold ist Vorsitzender des Vereins Biberacher Filmfestspiele und als Slammer bühnenerfahren, aber kritische Fragen zu den Turbulenzen, die der Vorstand seit über zwei Jahren zu verantworten hat, mag er nicht.

Helga Reichert wurde vor zwei Jahren trotz erfolgreicher Intendanz kein akzeptables Vertragsangebot gemacht, stattdessen erhielt Nathalie Arnegger einen Dreijahresvertrag, der Reichert verweigert worden war.
Und das war im Frühjahr 2021 plötzlich nicht mehr der Fall. Nach zweimaliger Durchführung des Festivals unter Coronabedingungen – mit viel Lob dafür – kam es zu keiner Vertragsverlängerung. Helga Reichert ging zerknirscht, weil die Vertragsbedingungen ihr keine andere Wahl ließen, wie sie meinte. BLIX kannte Auszüge des Vertrags und stellte fest, dass der Vorstand sich nicht an die Empfehlung seiner Mitgliederversammlung hielt, die sich für eine Verlängerung des Vertrags mit Reichert um drei Jahre ausgesprochen hatte. Reichert sollte sich stattdessen mit einem Jahresvertrag zufrieden geben. Ebenso sollte ihr ein Maulkorb umgehängt werden, indem ihr Medienkontakte untersagt werden sollten. Das Resümee von BLIX: bei dem Vertrag handelt es sich um „ein Abwehrangebot“. Der Vorstand wiederum rechtfertigte sich in einer knappen Pressemitteilung und versank in trotziges Schweigen – mit Ausnahme des Oberbürgermeisters. Norbert Zeidler ist qua Amt 2. Vorsitzender des Vereins, wo er sich vertreten lässt, aber im Konflikt mit Reichert moderierte. Im Interview mit BLIX stellte er sich pohlfest hinter seine Vorstandskollegen, und das obwohl sich über 100 Filmschaffende aus dem In- und Ausland vehement für die Fortsetzung der Biberacher Filmfestspiele in Regie von Helga Reichert ausgesprochen hatten, darunter Dieter Kosslick, selbst 18 Jahre Direktor der Berlinale und heute noch Juryvorsitzender beim Carl-Laemmle-Produzentenpreis in Laupheim. Es blieb dabei, der Vereinsvorstand verschanzte sich, obwohl Helga Reichert sich in BLIX für einen „Reset“ aussprach. Das war im Februar 2021.
Am 4. März zauberte dann der Vereinsvorstand Nathalie Arnegger als Nachfolgerin für Helga Reichert aus dem Hut. Die Ravensburgerin wurde mit viel Vorschusslorbeeren, einem Dreijahresvertrag und großer Erleichterung von Seitens des Vorstands ins Amt gehievt. Fragen zu dieser überraschenden Personalie waren unerwünscht und wurden weder von der neuen Intendantin noch vom Vorstand beantwortet. Stattdessen ließ der Vorsitzende Tobias Meinhold wissen: „Sehr geehrter Herr Dr. Reck, leider können wir hinter Ihren Fragen kein öffentliches Interesse erkennen. Daher sehen wir keinen Anlass, diese Fragen zu beantworten.“

Nathalie Arnegger übernahm 2021 die Intendanz der Biberacher Filmfestspiele mit einem Dreijahresvertrag und tritt nach zwei Jahren ab.
Dass der fehlgeleitete Vorsitzende zu diesem Schluss kam, kritische Fragen zu ignorieren, war nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass die lokale Presse als Medienpartnerin der Filmfestspiele und Teil des Monopols selbst kein Interesse hatte, dem veritablen Skandal, dass ein Kulturhighlight an die Wand gefahren wird, auf den Grund zu gehen. Aber die Zeiten ändern sich und statt „Schluss der Debatte“, wie ein Claqueur auf der Mitgliederversammlung einst forderte, fordert nun sogar der Medienpartner: „Den Reset-Knopf drücken“. Aber mehr folgte bisher nicht!
Die Doppelausgabe BLIX, Mai/Juni 2021 war noch nicht erschienen, da ließ Helga Reichert von sich hören und beantwortete gerne Fragen zu ihrem neuen Projekt: „Filmtage Oberschwaben“. Diese fanden erstmals nur wenige Tage vor den Biberacher Filmfestspielen im Oktober 2021 in Ravensburg statt. Reichert ging dabei ins Risiko, gründete eine gGmbH und bestritt auch im zweiten Jahr bereits die Filmtage, tatkräftig unterstützt von ihrem Mann und erweitert um „Die Linse“ in Weingarten als Spielort. Sie scheint zufrieden und will ihr cineastisches Baby weiter päppeln, bekräftigt sie gegenüber BLIX. Und während in Biberach der Stuhl der Intendanz weiterhin verwaist ist und die Verantwortlichen das Publikum mit dem Motto trösten, die diesjährigen Filmfestspiele würden „kleiner, familiärer, aber trotzdem charmant“ und „am Konzept werde derzeit mit Hochdruck gearbeitet“, wie der Biberacher Verein verlautbart, ist Helga Reichert fleißig am sichten von neuen Filmen für ihre „Filmtage Oberschwaben“ vom 12. bis 15. Oktober.
Die Frage ist naheliegend und „absurd“, sie lautet an den Biberacher Vorstand gerichtet: „Helga Reichert wäre unbestritten kompetent, die Filmfestspiele fortzuführen. Das Ehepaar Kutter hat das über Jahrzehnte bewiesen, und die Stadt hat Adrian Kutter dafür zum Ehrenbürger ernannt. Ist es für den Vorstand eine Option und haben Sie mit Frau Reichert bereits Kontakt aufgenommen, ob sie ihr Engagement in Biberach fortsetzt? Wenn ja, gibt es ein Ergebnis?“ Die Antwort des Vorsitzenden Tobias Meinhold: „Die Ausrichtung und Konzeption der Filmfestspiele 23 stehen aktuell für uns im Fokus.“ Ach, da trifft es sich, dass Helga Reichert auch zu tun hat und „den Gedanken absurd“ findet, die Biberacher Filmfestspiele fortzuführen. Reichert: „Wir sehen uns nicht in der Pflicht“, und „ich bin glücklich mit meinen kleinen Filmfestspielen“.
Lesen Sie dazu auch das Interview mit Biberachs Oberbürgermeister Norbert Zeidler.
Autor: Roland Reck
