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Die Trennung der Kunst vom Künstler ist ein altbekannter Zwiespalt. In diesem Spannungsfeld hat Regisseur und Autor Todd Field sein brillantes Drama „Tar“ angesiedelt, und dabei eine der faszinierendsten Frauen-Rollen der jüngeren Kinogeschichte kreiert. Ab 2. März ist Cate Blanchett mit ihrer bisher besten Film-Performance in den deutschen Kinos zu sehen.

Lydia Tár (Cate Blanchett) ist die amerikanische Chefdirigentin eines großen deutschen Orchesters und als solche die erste Frau, die je in Deutschland diese Position bekleidet. Mit Hilfe eines New Yorker Interviews wird die Figur Tár weiter eingeführt: wir erfahren, dass sie Schülerin und Protegé von Leonard Bernstein war und zusammen mit ihrer Frau Sharon (Nina Hoss) , der Konzertmeisterin des Orchesters, und deren Tochter Petra in Berlin lebt. Tár steht mit ihrem Orchester kurz vor der Aufführung der fünften Sinfonie von Gustav Mahler. Das Konzert soll von der Deutschen Grammophon während eines Konzerts live aufgezeichnet werden und damit der Abschluss aller Einspielungen des Zyklus Mahlers Sinfonien werden. Gleichzeitig steht die Veröffentlichung ihrer Autobiografie bevor, die sie mit diesem Interview angekündigt.
Unterstützt von ihrer persönlichen Assistentin Francesca, bricht Tár nach dem Interview zu einem Mittagessen mit Eliot Kaplan auf. Die Stiftung seiner Familie unterstützt Társ Projekt der Accordeon Foundation, eines Mentoring-Programms für junge, aufstrebende Dirigentinnen: sie sollen eine Anstellung als Dirigentin weltweit renommierter Orchester erhalten.

 

Szene Tar 2

Cate Blanchett gilt aufgrund ihrer Darstellung als wohl heißeste Oscar Kandidatin in diesem Jahr.

 

Ein weiterer Termin Társ in New York ist eine Masterclass an der Juilliard School. Während ein junger Musikstudent eine zeitgenössische Komposition dirigiert, unterbricht sie ihn, um den anwesenden Studenten ihren Interpretationsansatz zu vermitteln. Sie verwickelt den Studenten dazu in ein Gespräch und fordert ihn auf, sich mit den Kompositionen Johann Sebastian Bachs auseinanderzusetzen. Der Student kontert, dass es ihm nicht behage, sich mit der Musik von weißen, cis-Männern auseinanderzusetzen, die über Jahrhunderte den musikalischen Diskurs dominiert haben. Tár reagiert empört und fordert ihn auf, sich nicht selbst in eine Opferrolle zu bringen und sich an der Musik, nicht den dahinterstehenden Personen, abzuarbeiten. Der verletzte Student verlässt, sie beschimpfend, den Hörsaal.
Im Netz taucht ein bearbeitetes Video von Tár in der Juilliard School auf, das so zusammengeschnitten ist, dass ihre dort getätigten Aussagen beleidigend und diskriminierend wirken. Die Orchesterleitung beruft sie ein, und während Tár noch davon ausgeht, dass das disziplinarisch wirkende Gespräch wegen des Videos und des darauf folgenden Shitstorms anberaumt wurde, geht es in Wahrheit um einen in der New York Post erschienenen Artikel, der sie beschuldigt, sexuellen Machtmissbrauch in ihrem Umfeld zu betreiben.
Blanchett gab nach den Dreharbeiten zu, beeindruckt von der Arbeit mit Field gewesen zu sein. Sie nannte sie „lebensverändernd“ und verriet dass die titelgebende Figur nicht weiter entfernt von ihrem eigenen Charakter sein könnte.
Für insgesamt sechs Oscars ist „Tár“ nominiert und Blanchett gilt als haushohe Favoritin für den Preis in der Kategorie „Beste weibliche Hauptrolle“. Für ihre fulminante Darstellung der Kontrollbesessenen Dirigentin lernte die zweifache Oscar-Preisträgerin fließend deutsch zu sprechen und dirigierte die Dresdner Philharmoniker in einigen Szenen höchstselbst live, ohne Netz und doppeltem Boden. „Tár“ ist eine meisterhaft inszenierte, kluge Studie über die Gratwanderung die Künstler, Kulturschaffende und sogenannte Genies im Zeitalter vom „MeToo“ meistern müssen.

 

Autor: Christian Oita

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