BLIX Banner1

Friedrichshafen - Die neue, faszinierende Ausstellung im Zeppelin Museum Friedrichshafen, „Into the deep - Minen der Zukunft“, zeigt bis zum 5. November die beängstigende Gier globaler Bergbaukonzerne nach Rohstoffen und bislang unberührten Abbaugebieten.

Worum es Jahrtausende lang ging – von den Ägyptern, den Römern, bis ins 20. Jahrhundert in den Kolonien - um die Verhüttung von erzhaltigen Gesteinen unter der Erdkruste, es ist die Geschichte von Landraub, Verelendung, von Macht und unermesslichem Reichtum. Das Gold, das Silber der Kathedralen, der Paläste, bauten im Kolonialismus in Lateinamerika unter tödlichen Bedingungen die „Eingeborenen“ ab, die zuvor noch getauft worden waren. Mit dem Eisenerz ließen sich Bahnlinien durch Afrika legen, mit denen die Rohstoffe in die Häfen gebracht wurden. Daran hat sich auch nach der formellen Unabhängigkeit der Länder des Südens wenig geändert. Heute geht es um Edelmetalle wie Kobalt, Nickel und Kupfer, um Seltene Erden wie Lithium, Palladium, Neodym, Lutetium oder Holumin. für Datenspeicher, das Internet, die Batterien der E-Mobilität,, für High-Tech-Rüstung. Wo sie abgebaut werden, in Zaire, in Burundi, in der Nickelmine Fénix in Guatemala, wird die ländliche Bevölkerung mit Gewalt in die Minen gezwungen, wird indigenen Bevölkerungen ohne Kompensation das Land geraubt, stehen Journalisten, die darüber berichten, auf Todeslisten. Bergbauunternehmen wie die britisch-australische Rio Tinto, die kanadische Metals Company, die Schweizer Konzerne Glencore oder die Solway Investment Group hinterlassen, häufig mit Korruption, eine unbewohnbare Erde.
Die Plünderung von Rohstoffen in den Ländern des Südens hatte eine makabre, bis heute benutzte „Sprachregelung“ zur Folge: da ist von „Armen Ländern“ die Rede – das sind die mit den wertvollen Rohstoffen, und da sind die „Reichen Länder“, das sind die ohne Ressourcen, ohne Rohstoffe. Man sollte von arm gemachten und reich gewordenen Ländern reden.

Welches Wachstum brauchen wir?
Die von der Direktorin Claudia Emmert, von Jürgen Bleibler und Ina Neddermeyer exzellent kuratierte Ausstellung konfrontiert einen mit der zentralen Frage, ob die Abhängigkeit von Rohstoffen, deren Gewinnung ökologisch und häufig sozial sehr problematisch ist, unvermeidlicher Teil unseres Wachstums ist. Anders gefragt: Welche Produkte brauchen wir für einen nachhaltigen, sinnerfüllten Lebensstil? Die Ausstellung beginnt im eigenen Unternehmen, mit Aluminium, einem leichten, variabel einsetzbaren, korrosionsbeständigen und extrem recyclingfähigen Metall, ohne das der Luftschiffbau des Zeppelin unmöglich gewesen wäre. Die Frage, ob den die Welt brauchte, wäre ketzerisch für jeden, der jemals geflogen ist. Neben der Gondel des LZ1 steht ein Fahrzeug der Schwäbischen Hüttenwerke aus dem Jahr 1925. Leider folgenlos. Autokarosserien aus Aluminium wären nachhaltiger gewesen, hätten zig Millionen Tonnen Rostbleche erspart. Doch das war nicht im Gewinninteresse der Autoindustrie. Blech statt Aluminium. Ein Beispiel aber auch für die Zwiespältigkeit eines Metalls, denn der Abbau von Bauxit, oft aus Regenwäldern, und die Gewinnung von Aluminium aus Aluminiumoxid verursachen eine hohe Umweltbelastung.
Ein anderes Beispiel für die Absenz jeder Verantwortung in unserer Konsum-Ideologie sind die 3,5 Milliarden Kaffee-Kapseln pro Jahr. Die verharmlosenden Argumente der Kaffeefirmen: es handle sich zu 80 Prozent um recyceltes Aluminium, stimmen nicht, weil ein Großteil der Kapseln im normalen Müll landet, es keinen geschlossenen Kreislauf gibt.

647e0aa9a0468fc485d23bbd 6 Bureau dÉtudes Astropolitics Earth Resource Depletion a. the Cosmic Future of Capitalism

Grafik zum Abbau von Rohstoffen im Weltraum.

Die Kuratorin Ina Neddermeyer konnte Künstlerinnen wie Kristina Öllek, Bethany Rigby, das französische Künstlerduo Bureau d´Etudes für Installationen gewinnen, die die skrupellosen Bergbaumethoden globaler Konzerne vom politischen Kontext für das Publikum in den emotionalen, den sozialen Auswirkungen für die Bewohner der Bergbaugebiete nachvollziehbar machen. In einer Video-Installation über die Eisenmine im schwedischen Kiruna, die das Land der indigenen Sami zu einer gigantischen Abfallhalde machte, und in der Atacama-Wüste in Chile Lithium und Kupfer einen Wert haben, nicht aber die Menschen.
Die Rohstoffreserven unter der Erdkruste sind endlich, daran gibt es keinen Zweifel. In kaum zwei Generationen hat der industrialisierte Teil der Menschheit seinen Bedarf an Produkten vervielfacht, in denen Seltene Erden und Edelmetalle stecken – für eine nachhaltige Zukunft, wie Windkraft und Solarpanelen; mit Daten Clouds, die der Autor dieses Berichtes selbst nutzt; aber auch mit einem Computer, der so wenig reparabel ist wie Haushaltsgeräte, und mit dem Wahnsinn der gegenwärtigen Aufrüstung. Auch dies wird in der Ausstellung mit künstlerischen Mitteln, mit der Wandkarte und Installation von Bethany Rigby exzellent dargestellt.

642c30f04e350699eb3116b1 3 Ignacio Acosta Aerial view Abermarle lithium evaporation ponds 2022

Blick über die Lithiumfelder in der chilenischen Atacama-Wüste: Die ohnehin schon trockene Region trocknet durch den Abbau des Rohstoffs noch weiter aus. Foto: Ignacio Acosta

Und für die Zukunft gibt es Plan A: die Rohstoffe im All, vom Mond bis zum Mars. Asteroidenbergbau. Weil an dem auch chinesische und russische Konzerne Interesse haben, auf UN-Ebene Besitzfragen nicht geregelt sind und wohl auch nicht geregelt werden sollen, wird das „Deep Space Mining“ schon mal militärisch abgesichert, durch Firmen mit harmlosen Namen wie „Space and Defence“. Gigantisch wären die klimaschädlichen Effekte extraterrestrischer Rohstoffförderung.
Und es gibt Plan B: „Deep Sea Mining“, Bergbau auf dem Grund der Ozeane. Die letzten unberührten Lebensräume mit einer unendlichen, wissenschaftlich noch gar nicht voll erfassten Artenvielfalt. Diese ist über Jahrmillionen entstanden und hochsensibel. Die Tiefseebohrungen, die Abfälle, der Lärm, das künstliche Licht hätte ungeahnte Auswirkungen auf Flora und Fauna. Die Millionen radioaktiver Manganknollen, die auch Nickel, Kupfer,Kobalt enthalten, sind über Millionen Jahre entstanden. Riesige Bergbaumaschinen sollen den Meeresgrund umgraben nach Edelmetallen. Der Transport an die Meeresoberfläche wird für die Anrainerstaaten im Pazifik ihre Lebensgrundlage, die Fischerei, zerstören.
Auf den Cook Islands kämpft die NGO Te Ipukarea Isociety, als eine von über 100 Organisationen gegen die Zerstörung ihres Lebensraumes. Pazifische Inselstaaten wie Palau, Fiji, Samoa gehören ebenso dazu wie Greenpeace. Mit viel Geld wurden von den Minenkonzernen bereits einige Regierungen Mikronesiens bestochen, die Schürfrechte in ihrem Hoheitsgebiet zu verkaufen.
In Kürze werden sich Staats- und Regierungschefs aus der ganzen Welt auf Jamaika treffen, um mit der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA) ein weltweites Verbot von Tiefsee-Minen zu diskutieren. Länder wie Deutschland, Spanien, Frankreich, Chile, Costa Rica und Ecuador unterstützen bereits ein Verbot.
Die komplett aus nachhaltigen Materialien zusammengestellte Ausstellung dauert bis 5. November, täglich 9 bis 17 Uhr.
www.zeppelin-museum.de

 

Autor: Wolfram Frommlet

­