Friedrichshafen - Das Zeppelin Museum zeigt technische Utopien aus 120 Jahren und konfrontiert diese mit künstlerischen Positionen. Das Ergebnis „Fetisch Zukunft“ stellt vieles in Frage – auch unsere Gegenwart. Die Ausstellung ist bis zum 16. April zu sehen. Ein Besuch lohnt.
Der Ökonom Ernst Friedrich Schumacher, 1911 in Bonn geboren, der wegen den Nazis nach England emigrierte, war einer der frühen Warner vor den Folgen eines Wirtschaftssystems, das auf rein technischem Wachstum beruht. 1973 schrieb er ein epochales Buch: „small is beautiful - economics as if people mattered“, auf Deutsch, „Die Rückkehr zum menschlichen Maß“. Zwei Kernsätze verdeutlichen seine Philosophie: „Ständig größere Maschinen, die eine immer größere Konzentration ökonomischer Macht zur Folge haben und eine immer größere Gewalt gegen unsere Umwelt, repräsentieren nicht Fortschritt. Sie verleugnen Weisheit. Wissen erfordert eine Neuorientierung von Wissenschaft und Technologie auf das Organische, das Sanfte, das nicht Gewalttätige, auf das Elegante und Schöne / Jeder intelligente Idiot kann Dinge größer machen, komplizierter und gewalttätiger. Es braucht aber eine Menge Begabung und Mut, in die gegenteilige Richtung sich zu bewegen.“
Dieses Buch ist noch immer von hoher Aktualität und es ist erschreckend, dass Schumachers Analysen einer rücksichtslosen Technologisierung bis heute keine Folgen in den Ingenieurwissenschaften haben. Er strebte schon in den Sechziger- und Siebziger Jahren ein nachhaltiges Wirtschaftssystem an, das nicht an Kapitalvermehrung ausgerichtet ist, sondern sorgsam mit dem wirklichen Kapital, also mit Bodenschätzen, mit der Natur und mit menschlichen Ressourcen umginge. Er warnte vor den Gefahren der Atomkraft; er ahnte, dass die Ausbeutung der Länder des Südens, vor allem deren Rohstoffe, durch die Länder des Nordens, zu Gewalt führen werde. Er plädierte statt der Konzentration von Gütern in großen Einheiten, in der der einzelne Mensch entfremdet, entmächtigt sei, für viele kleine Einheiten, und somit für eine Art „Versöhnung“ von Stadt und Land, von Mensch und Maschine.

Dieses Modell des Wagner-Rotocar aus den 1960er Jahren stammt von dem französischen Industriedesigner Louis Lucien Lepoix.
Davon sind wir weiter denn je entfernt. 1947 wurde die „doomsday clock“, die Weltuntergangsuhr, auf sieben Minuten vor Zwölf gestellt, im Mai 2018 auf zwei Minuten vor Zwölf und im Juni 2020 auf 100 Sekunden vor Mitternacht. Doch noch immer gilt „größer, stärker, dicker, schneller“ nicht nur für die Autoindustrie. Visionen für die Zukunft sind Technik-bestimmt, die ein von jeder Transparenz abgeschottetes Konglomerat globaler Konzerne dominiert. Dazu hat das Zeppelin Museum eine außergewöhnlich komplexe, kluge Ausstellung realisiert. Sie zeigt technische Träume und Visionen der letzten hundert Jahre, aber auch realisierte Utopien von heute. Der „Fetisch Zukunft“ ist als Leitthema die fetischhafte Verklärung der Technik, die vom Luftschiff bis zu Elon Musks Plänen einer Weltraum-Besiedelung immer eine Zukunft mit „modernen“ Lebensformen versprach. Technische Visionen, das zeigt die Ausstellung an faszinierenden Modellen, basierten auf ganz unterschiedlichen Träumen und Versprechen. Deshalb verbindet das Ausstellungs-Team verschiedene wissenschaftliche Diszipline miteinander – Kultur und Technologie, Ökonomie und Ökologie -, die aber so vermittelt werden, dass die Ausstellung die Besucher zu eigenen Fragen anregt. Ein exquisiter Katalog mit seltenen Dokumenten von Utopien, Visionen und den absurdesten Formen von Science-Fiction bietet das Material, die Fragen, die diese Ausstellung geriert, an vielen Abenden zu vertiefen.

Die Ausstellung zeigt technische Träume und Visionen der letzten hundert Jahre, aber auch realisierte Utopien von heute.
Da ist die Concorde, mit 1.700 km/h von Paris nach New York, in drei Stunden dreißig Minuten. Selbst eine superreiche Klientel, die sich solche Flüge leisten konnte für ein paar Stunden Zeitgewinn, bewahrte den technischen Traum nicht vor dem Bankrott. Da gab es die Weiterentwicklung des Zeppelins, den Cargolifter, die angeblich nachhaltigste Art, Frachtgut zu transportieren, und das während des Fluges Solarenergie produzierende Luftschiff. Technische Fehlkalkulationen. Eine ökologische Sensation ohne Abgase versprachen atomar betriebene Züge und das erste atomare Flugzeug. Die Super-GAUs in Tschernobyl, Fukushima und Harrisburg beendeten die Visionen.
Welche Freiheiten versprechen die heutigen technischen Visionen, wie steht es um deren Nachhaltigkeit? Das sind zentrale Fragen, die im Zeppelin Museum gestellt werden. Die Antworten sind ernüchternd. Ein Beispiel ist das Modell eines Lufttaxis, das von Airbus und Audi entwickelt wird. Da steckt ein autonom fahrender PKW im Stau, ruft ein vierflügeliges, batteriebetriebenes Fluggerät, das das Fahrzeug samt Passagieren in die Luft erhebt. Getestet werden soll diese Kreation technischer Intelligenz nun in Sao Paulo und Mexiko City. Dort ist die Erfindung relevant für 0,0001 Promille der Bevölkerung. Airbus-Chef Tom Enders aber sieht darin eine Antwort auf künftige Herausforderungen urbaner Mobilität: „Staus treiben die Verkehrssysteme der rapiden wachsenden Städte an die Grenzen und kosten Reisende wertvolle Zeit und Geld. Den urbanen Transportnetzen den Himmel als dritte Dimension hinzuzufügen, wird unsere Lebensweise revolutionieren.“ Von welchen Reisenden, von wessen Zeit und Geld reden wir, und von welchem Himmel? Der zunehmend mit High-Tech-Rüstung, auch aus Deutschland, militarisiert wird? Noch absurder sind die geplanten Weltallflüge von Elon Musk für eine Klientel von Millionären, besser Milliardären. Für all diese Technologien, auch für die Beschleunigung der E-Mobilität, sind Unmengen Rohstoffe, Seltene Erden, nötig, die vor allem in Afrika unter unmenschlichsten Bedingungen gefördert werden und ökologische Wüsten hinterlassen. Die historischen Visionen ebenso wie die neuen hatten und haben nichts mit der Lebenswelt, den Problemen der Mehrheitsbevölkerungen auf allen Kontinenten zu tun, sie entbehren eines sozialen wie ökologischen Bewusstseins. Am beängstigendsten sind, wie immer, die Nutzungsmöglichkeiten in der Rüstung. In den Videos der Ausstellung verarbeiten 15 KünstlerInnen in sehr faszinierenden Formaten die Fragen; im Begleitprogramm zur Ausstellung werden diese Themen von renommierten Fachleuten beleuchtet. Besonders bemerkenswert ist die Kooperation des Zeppelin Museums mit Schulklassen, mit der nächsten Generation.
www.zeppelin-museum.de
Autor: Wolfram Frommlet
