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Ravensburg - Der Erste Weltkrieg prägte den Expressionismus. Künstler wie Ernst Ludwig Kirchner und Oskar Schlemmer fielen auf die Propaganda herein und zogen begeistert in die Schlacht, Thomas Mann empfand den Krieg als „Reinigung und Befreiung“. Das Grauen verarbeiteten sie dann in Kunst und Literatur. Auch der 1895 in ärmlichen Verhältnissen in Hamburg geborene Carl Lohse. Die Bilder des Expressionisten ausgestellt im Kunstmuseum Ravensburg sind eine Entdeckung. Dis Ausstelung ist bis zum 5. März zu sehen.

Seine künstlerische Begabung wurde früh erkannt und gefördert. 1910 bereits lernte er an der Kunstschule in Hamburg, 1912 an der Kunstakademie in Weimar. Doch 1915, mit gerade mal 20 Jahren, wurde er an die Somme geschickt. Er überlebte als Einziger seiner Kompanie. Nach drei Jahren Kriegsgefangenschaft und Arbeit in Steinbrüchen kehrt Lohse 1919 zu seiner Mutter nach Hamburg zurück. Die Kriegsjahre Jahre werden Lohse sein Leben lang beschäftigen. Über künstlerische Kontakte findet er eine Heimat, einen lebenslangen Schaffensort in der sächsischen Kleinstadt Bischofswerda.
Lebenssüchtig sind die Jahre nach dem Krieg, geprägt aber auch von Bildern, in denen er das Massensterben des Krieges bewältigt. In dem Bild „Schützengraben“ werden bleiche menschliche Skelette von einer schwarzen Masse hinweggespült und ein Lichtschein versinkt im Dunkel. In „Explodierende Granate“ bersten Körperteile in Farbfetzen von Erde. Auch seine Köpfe und Portraits nach dem Krieg, sein in Holz geschnitztes Ich sind kantig, zerrissen, unharmonisch, mit penetrierenden Augen, in prallen Farben, die neu leben, wieder leben, ausdrücken. Seine Naturbilder sind geradezu trunken vor Farbe, seine künstlerische Umsetzung der industriellen Arbeitswelt, einer Gießerei etwa, sind radikaler, aufregender als viele Arbeiten der weit bekannteren Expressionisten wie Kirchner, Schmitt-Rottluff, Rohlfs oder Pechstein. Er verarbeitet seelische Zerrissenheiten und Ängste von Menschen, in den vordergründig „heilen“ Landschaften und Kleinstadtidyllen sind Bedrohungen der Natur versteckt. In den Industriebildern ist er Avantgarde, die Arbeiter sind aller menschlichen Charakteristika beraubt, er zeigt das Macht- und das Ohnmachtverhältnis von „Mensch und Maschine“, wie es in der Literatur, auf dem Theater Ernst Toller und Bertolt Brecht beschreiben.
Die Kritik feiert Carl Lohse als „stärksten und lebendigsten Verkünder der neuen deutschen Kunst“, doch er verkauft nichts, zieht sich enttäuscht aus der Kunst zurück, arbeitet als Bankbote und Straßenbahnschaffner und findet eine neue, religiöse Welt bei den Zeugen Jehovas. Die werden von den Nazis verfolgt, Lohse gilt zudem als „entartet“. Wie sich die Diktaturen gleichen. Da dauert es nicht lange, bis er, 1951 bereits, in der DDR als „Maler auf Irrwegen der westlichen Dekadenz““, als „krank und staatsgefährdend“ bezeichnet wird. Arbeiten, die er zu Ausstellungen 1962 und 1964 einreicht, werden abgelehnt. 1965 stirbt Carl Lohse in Bischofswerda.
Die Ausstellung im Kunstmuseum Ravensburg zeigt ein breites, exquisites, ein aufregendes Spektrum eines noch immer viel zu wenig bekannten Expressionisten.

www.kunstmuseum-ravensburg.de

Autor: Wolfram Frommlet

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