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Meersburg / Bad Wurzach - In der Bodenseegalerie im „Roten Haus“ in Meersburg ist noch bis 13. November mit über 100 Arbeiten der 1901 in Wurzach geborene Maler Sepp Mahler zu sehen. Titel der Ausstellung „Ins Offene“. Ein guter Anlass, diesen vielfältigen, im besten Sinne „politischen“ Menschen nochmals zu entdecken.

 

Der Vater war Torfmeister, die Mutter leitete die Kantine des Torfwerkes in Wurzach, in der vom Torfabbau dominierten Ökonomie waren dies bürgerlich-gesicherte Verhältnisse. Sepp Mahler, der mit 18 Jahren die ersten Gedichte schrieb, mit 19 die Kunstgewerbeschule, mit 21 Jahren die Kunst-akademie in Stuttgart besuchte, begreift sehr früh, dass Torfabbau und kleinbäuerliche Landwirtschaft ein geschlos-senes System sind, aus dem es für die Mehrheit kein Entrinnen gibt und gab. Doch er erkennt auch den Klassencharakter dieser oberschwäbischen Gesellschaft, jenes Bürgertum, das Armut aus seinem Bewusstsein genauso ausklammert wie einen Sepp Mahler, der es schonungslos kritisiert: „Das Bürgerleben ist ein geruhsames dumpfes Dasein, ausgefüllt mit Arbeit, Vereinsleben, Kirchgang, Trinkfesten, Hochzeiten und Kindstaufen. Das Neue, Ungewohnte, Fortschrittliche findet schwer Eingang bei den Bürgern; diese lieben fanatisch das abgebraucht Langweilige / alles Gesunde ist erstickt worden; und zu Hanswursten hat man uns gemacht in Schulen, Werkstätten, Hochschulen.“

 

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Sepp Mahler als Vagabund in Vaters Anzug, 1926

 

Die Armut füllt seine Bilder, seine Gedichte, doch er befreit sie aus der Enge, schafft eine neue künstlerische Form. Mahler überwindet den Sozialrealismus, ergreift Partei, fordert eine Kultur der Empathie mit den Armen. „Entflammte müssen wir werden. Lebendige Idealis-ten unser ganzes Leben lang.“ Die Stimmungen und Farben des Moores inspirieren ihn wie die Menschen, die mit jedem Jahr Arbeit sich mehr der Natur angleichen – gekrümmt wie die Wurzeln, die sie zerhacken, gebeugt wie die sturmgepeitschten Bäume, leidend, duldend, wie es die Mischung aus Obrigkeit und Kirche für nützlich hielt. Er schuf neue Wörter, wo die alten nicht reichten, diese Heimat zu beschreiben. Diese Armut hat einen Ort – Mahlers oberschwäbi-sche Heimat.
Der I. Weltkrieg aber produzierte Menschen ohne Heimat, ohne Ort. Und er schuf eine radikal neue Kultur. Beide lernt Sepp Mahler ab den 20er Jahren kennen. Er wird zum „Lump und Philosoph“, zum Sucher und zum Rufer. Die „Gnade der späteren Geburt“ ersparte Mahler die Verführungen und Irrungen, die die Hirne und Seelen von bereits renommierten Künstlern, Musikern und Schriftstellern verdüsterten, sie mitrissen in nationalistischen Hass, sie zu Handlangern des gigantomanen militärisch-industriellen Komplexes machten. Max Beckmann und Otto Dix, Carl Zuckmayer, Richard Dehmel mit 51, hatten sich zum Kriegsdienst gemeldet, sogar Frank Wedekind, der von der Zensur gepeinigte, lobte den Krieg, wie der Maler Georg Ehrenfried Groß, der sich dann aus Scham über seinen Irrtum George Grosz nannte.

 

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Sepp Mahler, Vagabund mit Schaf, um 1925

 

Mit Geisteswaffen gegen den Brudermord

Bei Sepp Mahler lautet eine Gedichtzeile 1925, „Maschinen arbeiten Arbeiter hungern Kinder spielen das Leben.“ Und in dem Gedicht „gegen krieg“, 1931, spricht der Pazifist Sepp Mahler, geprägt durch die expressionistischen Aufschreie einer anti-faschistischen, anti-militaristischen Literatur- und Kunstszene: „darum menschen auf der ganzen welt / kampfesliebe gegen alle kriegshetzen / aber nur mit liebenden geisteswaffen gegen den brudermord tollwütende irrsinnige krankemenschenbrüder sind die immer von krieg hungersnot elend erzählen gesundet diese ihr hellsichtig ihr frohen Kinder Menschen / unerschrocken verweigert wehrpflicht und verkündet solange atem in euch blüht liebe zu allen weltbrüdern ohne rassenunterschied“
Neu in der kurzen Phase der Weimar Republik ist, dass Sepp Mahler den militärisch-industriellen Krieg und den Krieg gegen die Natur als ein gemeinsam krankes System bezeichnet. Das Morden von Menschen und das Morden an der Natur bedeutet für Mahler die Aufhebung jeder Ethik und Moral, gleichzeitig auch die bedrohliche Trennung von Maschine, Mensch und Natur. Mahler begriff Mensch und Natur als ganzheitliches System, in dem der Mensch sich einordnend bewegt. Die heutigen Kriege gegen die Natur, um Rohstoffe, ahnte er schon vor über achtzig Jahren, wie diesem Zitat zu entnehmen ist: „Diesen Urglauben an die Schönheit müssen wir wieder erlangen suchen in uns; viel haben wir verloren, sind nahe daran zu erstarren.“
Aus den Materialschlachten des 1. Weltkrieges entsteht in deutschen Großstädten (auch in Stuttgart, wo Sepp Mahler lebt) eine kulturelle Avantgarde gegen die Dumpfheit jedes Nationalismus, für eine Internationale aller Kulturen über alle Grenzen hinweg. Künstler wie Max Pechstein, George Grosz oder Wieland Herzfelde, Regisseure wie Erwin Piscator, Journalisten wie Siegfried Jacobsohn und Carl von Ossietzky gründen linke und links-liberale Verlage, Zeitschriften, Theater und Galerien. Mahler veröffentlicht seine ersten Rufer-Texte: „auf du arbeitermensch bildung der arbeiterseelen im ur sammelt euch“ / „es geht nicht allein um kultur es geht um menschenrechte menschenachtung“
Da ist er in guter Gesellschaft, als Rufer für einen neuen Menschen. Karl Kraus schreibt 1918 sein Drama „Die letzten Tage der Mensch-heit“, Ernst Toller sein Stück „Masse Mensch“, in dem man Zeilen findet wie „Wir Schwachen werden Felsen sein der Stärke, Ich rufe Streik! Hört ihr: Ich rufe Streik“. 1924 veröffentlicht Mahler seine fast 30-teilige „Sturm“-Mappe, eine radikale und ganz eigenständige Hinwendung zum Kubismus, eine seiner bedeutendsten Arbeiten, die bis heute viel zu wenig beachtet ist. Mit ihr wird er als heraus-ragende Figur der künstlerischen Avantgarde in bedeutenden Galerien und Kunstzeitschriften wahrgenommen. Mahlers „Sturm“-Mappe ist kein abstrakter, puristischer Kubismus, wir finden Linien, Räume für Mahlers suche nach dem UR, den Urkräften, dem Urmenschenpaar. Mahlers Sehnsucht nach einem herrschaftsfreien Raum? Auch wenn sich Gedanken finden wie „einige Dinge dem Volk übermitteln soll die Mission meiner von Gott gegeben Mission sein“.

 

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Selbstbildnis, 1967

 

Eine andere Welt – die Straße

Die Mechanisierung vertrieb Millionen von Kleinbauern und Landarbeitern in die neuen Industriezentren, sie zerstörte in weiten Teilen das familiäre Handwerk Deutschlands. Neben der Arbeiterklasse entstand ein Proletariat. Zigtausende leben auf der Straße. Mehr noch in den USA als in Deutschland. Eine neue Klasse entsteht – die Vagabunden, die Hobos, wie sie in den USA genannt werden, denen Charlie Chaplin mit „The Tramp“ und Jack Kerouac mit „on the road“ ein Denkmal gesetzt haben. Sepp Mahler geht in den Zwanziger Jahren ins „Offene“, in jene ungesicherte Welt, die, wie er in kleinen Zeichnungen, in Reportagen beschrieb, eine „geschlossene“ Welt war.
„Der Hunger, die Kälte, meine Freunde / Die Armut die ewige Braut / Ich nicht betrogen, ich habe gelebt als Mensch / Gesehen die Erde, getrunken die Freiheit, geliebt die Liebste, die Natur.“
Die Vagabunden sind in einer Bruderschaft organisiert, in der sie sich „Kunden“ nennen. Sepp Mahler geht in dieser Welt auf, es entstehen in der Kunstszene völlig neue Arten vom Milieu-Skizzen, und beachtliche Reportagen. Mahler findet in Gregor Gog, einem der treibenden Köpfe der Vaganten-Szene, einen ebenso unorthodoxen Gleichgesinnten. Sie organisieren etwas völlig Neues: eine Vagabunden-Kunstausstellung. „Wir bitten Euch, Ihr Brüder der Landstraße, die ihr bildend tätig seid, und von Euren Arbeiten das Beste zu überlassen…. Ihr habt ein Recht, sogar die Pflicht, aus der qualvollen Nacht des Unbekannt-seins herauszutreten.“
Der Faschismus beendete und zerstörte diese überwältigenden Aufbrüche einer neuen, demokratischen, avantgardistischen Kultur über kaum 20 Jahre in Deutschland. Künstlerische, literarische Wertungen sind subjektiv. Sepp Mahler hat literarisch wie künstlerisch auch nach 1945 bis zu seinem Tod 1975 Großartiges geschaffen. Nach meiner Einschätzung aber waren die 20er Jahre seine leidenschaftlichsten, wildesten und kreativsten. 1938 wurde er kurzzeitig inhaftiert, als „entartet“ gebrandmarkt und zum Schweigen verurteilt. Seiner Tochter Adelgunde ist es zu verdanken, dass seine frühen Arbeiten erhalten sind und, sehr mühsam oft, eine Öffentlichkeit fanden. Sein Haus in Bad Wurzach bekam den Status eines Kulturdenkmals.

 

Autor: Wolfram Frommlet

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