BLIX Banner1

Biberach - Gedanken auf der Suche nach den letzten Wahrheiten fasste der weitgereiste Diplompädagoge Michael Vogt in einem Buch zusammen. Dabei macht nicht zuletzt sein Humor den Parforce-Ritt durch Religions- und Lebensphilosophien lesenswert. Auch oder gerade an trüben Novembertagen, in denen intensiver als sonst an den Tod gedacht wird.

 

Mit 69 Jahren legt Michael Vogt nach Lehrbüchern über Pädagogik, Heilerziehungspflege und Psychiatrie nun ein Buch vor, das dem Seelenleben vergangener Kulturen auf der Spur ist. Nach seiner Pensionierung flog der Biberacher im November 2019 nach Südamerika, um ein halbes Jahr durch seine Lieblingsländer zu reisen. Die Corona-Pandemie erzwang bei dieser 15. Südamerika-Tour den Rückflug nach nur drei Monaten. Zuhause begann er wieder zu schreiben. Der renommierte Deutsche Wissenschafts-Verlag brachte nun im Oktober sein Buch „Sind wir nur ein Spiel der Atome?“ heraus. Im Vorwort ist zu lesen: “In Gestalt eines Vogels verlässt die Seele den Körper, um nach dem Tod weiterzuleben. Dieses rätselhafte Bild in der Höhle von Lascaux zeigt, wie schon die Steinzeitmenschen darum rangen, dem Leben und der Welt einen Sinn zu geben; was sie sich alles ausdachten auf der Suche nach einer letzten Wahrheit, vielleicht nach der unsterblichen Seele, vielleicht nach Gott, und wie kreativ sie dabei waren. Seelen- und Glaubensvorstellungen sind seit der Steinzeit belegt. (…) Ahnenkult und Geisterglaube indigener Völker sind eine unerschöpfliche Fundgrube bei der Spurensuche nach Urbildern des Glaubens. Lange bevor Christen auf der Bildfläche erschienen, entstand im alten Babylon das Gilgamesch-Epos. (…) Schon die antiken Religionen, zu denen das Gilgamesch-Epos und der Taoismus zählen, waren auf der Suche nach einer letzten Wahrheit und verschlagen einem buchstäblich die Sprache. Sie sind der Hammer.
In den Säulenhallen des farbenprächtigen Minakshi-Tempels im Herzen von Madurai verweile ich fast einen ganzen Tag. Gongschläge lassen die Luft vibrieren. Kerzen flackern. Menschen verehren in einer Vielfalt von Zeremonien ihren persönlichen Gott. Ich bin wie verzaubert von dieser Harmonie der Sinne. Hier in Südindien, dem Reich von Gott Shiva, verlor ich mein Herz an den Hinduismus, der Jedem Erlösung verspricht.“
Vogt beschränkt sich bei seiner „Suche nach den allerletzten Wahrheiten“ nicht auf die Religionen, sondern befasst sich auch mit Ethiken und Lebensphilosophien. „Ich ergreife nicht Partei für eine Religion“, bekräftigt er im Gespräch mit BLIX. „Jede Religion wird missbraucht. Denken wir nur aktuell an den russischen Patriarchen Kyrill, der den im Ukrainekrieg gefallenen russischen Soldaten die Vergebung aller ihrer Sünden verspricht.“ Und wie hält es der Autor selbst mit der Religion? „Als eingeschriebener Katholik habe ich mich immer wieder mit dem Gedanken befasst, aus der Kirche auszutreten, aber ich habe es nicht so eilig.“
Ein Blick auf seinen beruflichen Werdegang verrät ein bewegtes Leben. Nach dem Referendariat am Gymnasium Balingen und in Sankt Georgen im Schwarzwald stand Vogt mit leeren Händen da. Er hatte zunächst Englisch als Hauptfach und Geographie und Politische Wissenschaften als Nebenfächer studiert, schloss aber nach ausgedehnten Rucksackreisen durch USA und Kanada mit dem Staatsexamen für Biologie und Geographie das Studium ab. Wie die meisten Bewerber hatte er keine Chance auf Einstellung in den Schuldienst. Er haderte nicht lange, begann mit neunundzwanzig ein Zweitstudium an der Uni Tübingen. „Ich wollte ein Uni-Diplom, das mir den Zugang zum freien Bildungsmarkt ermöglicht. Die Geisteswissenschaften machten mir richtig Spaß. Ich interessierte mich für Anthropologie, Philosophie und Ethik, studierte neben Pädagogik vier Semester Psychologie und Soziologie und war stolz darauf, endlich ein Diplom in der Tasche zu haben“, fasst er den nicht ganz geradlinigen Berufsweg zusammen. Das Uni-Diplom mit Bestnoten öffnete ihm viele Wege. Als Allrounder unterrichtete er Pädagogik, Heilpädagogik und Psychiatrie am Institut für Soziale Berufe in Ravensburg. Leidenschaftlich engagierte er sich im Projekt Ethik, wo die Idee entsteht, allerletzten Wahrheiten auf den Grund zu gehen. 1999 kam seine Tochter Lara zur Welt. „Es folgten die glücklichsten Jahre meines Lebens“, erinnert er sich.
Manche Religionen wie etwa der Zoroastrismus des alten Persien, den er im Kapitel „vom Zauber der Antiken Religionen“ vorstellt, beeindrucken ihn nachhaltig. Für Zoroastrier zählt nicht, welche Religion jemand hat. Sie messen den Menschen nur an dem, wie er denkt, redet und handelt. Ebenso faszinierend der Mythos des Taoismus, eine der drei Lehren der chinesischen Philosophie. „Er wandte sich schon früh gegen unser Machbarkeitsstreben. Sein Gründer Latose, der Che Guevara des Ostens, hatte es faustdick hinter den Ohren“, konstatiert Vogt.
„Mit der Geburt Jesu Christi beginnt das Christentum, das im politischen und kulturellen Leben Europas und des Vorderen Orients zentrale Bedeutung erlangt. (...) Tausend Jahre lang sorgte eine Allianz zwischen Kreuz und Krone dafür, das Evangelium mit Feuer und Schwert zu verbreiten. Wer dem Höllenfeuer entkommen wollte, hatte keine Wahl. Er musste der Kirche treu bleiben“, schildert der Autor und fasst zusammen: „Judentum, Christentum und Islam sind prophetische Religionen, deren Wurzeln bis in die ausgestorbenen Religionen des alten Ägyptens und Mesopotamiens zurückreichen. Propheten sind Gottes Boten, die er in die Welt schickt. Mit der Verkündung Mohammeds, ich bin der Prophet Allahs, des einzig wahren Gottes, entsteht sechshundertzehn nach Christus der Islam, der heute nach dem Christentum die zweitgrößte Weltreligion ist.“
An wen wendet sich Vogt, der vor allem mit populärwissenschaftlichen Quellen arbeitet, auf einen umfangreichen Literatur-Apparat, Sach- und Personenverzeichnis aber nicht verzichtet? „In erster Linie an interessierte Laien. Das Buch ist Religionsphilosophie. Im Glauben gibt es nun mal keine Fakten. Die Wurzeln der Menschheit waren Narrative. Wobei dieser Ausdruck zum Modewort geworden ist und verflacht. Ich schreibe recht bildhaft. Neben der geistigen Nahrung ist schließlich auch das Lesevergnügen wichtig.“

 

atome

Das Buch hat 207 Seiten, ist im DWV-Verlag Baden-Baden erschienen und kostet 24,95 EUR.

 

Autorin: Andrea Reck

­