Ravensburg - Der Ort täuscht. Man muss ihn suchen, wenn man in Ravensburg ins Theater will. Die Zeppelinstraße gehört nicht zum historischen Stadtkern, es ist eine Nebenstraße, die nichts Aufregendes zu bieten hat, wäre da nicht das Theater, das sich zurückversetzt in einem Art Hinterhof unter einem Flachdach duckt. Der Ort täuscht, denn dort wird engagiertes Theater gemacht. Seit 35 Jahren und jetzt ist Schichtwechsel.
Der Alte geht, ein Jüngerer kommt. Der Alte, das ist Albert Bauer, Mitbegründer (1985), langjähriger Geschäftsführer (seit 1987) und „Mister Theater“ in Ravensburg. Der Jüngere, das ist Till Rickelt, der vom Landestheater Oberpfalz kommt, wo der 48-Jährige zuletzt acht Jahre lang als künstlerischer Leiter verantwortlich war.
„Mit kleinem Geld großes Theater machen“, forderte die Stellenbeschreibung, erinnert sich Rickelt beim Pressegespräch. „Das reizte mich. Ich bin gerne der, der am Ende der Vorstellung selbst die Scheinwerfer ausmacht.“ Mädchen für Alles war Albert Bauer, ein Mädchen für Alles muss sein Nachfolger sein. Geplant ist immerhin, zukünftig die künstlerische und kaufmännische Leitung auf mehrere Schultern zu verteilen. Organisationsänderungen zwischen Theater, dessen Träger ein Verein ist, und Kulturamt verschaffen dem Theater zwar noch mehr Aufgaben, aber damit auch ein höheres Budget, wodurch auch Landesmittel (200.000 Euro) fließen könnten, so die Hoffnung.
Till Rickelt, der als junger Regieassistent in Bremen bei der Bremer Shakespeare Company theatersüchtig geworden sei, wie er begeistert erzählt, freut sich ganz offensichtlich auf seine neue Wirkungsstätte, wo er „Theater für alle, nicht nur für die Bildungsbürger“ in Szene setzen möchte. Rickelt will „klassische Stoffe für das heutige Publikum mit aktueller Relevanz erzählen“ gemeinsam mit dem gewachsenen Ensemble auch regionale Stoffe anpacken, sich verstärkt um Angebote für Kinder und Jugendliche kümmern, in Projektarbeit einsteigen und zukünftig auch Musiktheater anbieten. Handgemachtes Theater sei seine Welt, das er auch in Ravensburg mit einem Ensemble mit viel Spielfreude realisieren möchte. Für Till Rickelt heißt es „Vorhang auf!“, ab Januar in der Zeppelinstraße in Ravensburg.
Bei aller Vorfreude bleibt die bange Frage, was macht das Publikum, das nach wie vor zahlreich an „Long-Covid“ leidet, soll heißen, die Zuschauer sind durch Corona in ihrem Freizeitverhalten quasi umprogrammiert worden. Während die großen Freiluftveranstaltungen sich wieder über alte Besucherzahlen freuen konnten, sind es bei Indoor-Veranstaltungen bis zur Hälfte weniger. In Ravensburg vermisst man etwa 30 Prozent. Dennoch wollen die Theatermacher angesichts der Inflationsrate nicht auch noch an den Eintrittspreisen schrauben. „Das Letzte, was die Leute in dieser Situation gebrauchen können, sind auch noch teuere Tickets fürs Kino oder Theater“, sagt der scheidende Geschäftsführer Albert Bauer. Peter Frey, Vorstandsmitglied im Verein und selbst Kulturschaffender, sieht für das Theater die Notwendigkeit, verstärkt Sponsoren zu gewinnen, um Menschen auch in schwierigen Zeiten günstig Zugang zur Kultur zu ermöglichen. Sein Plädoyer: „Kultur ist auch der soziale Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält.“ Sich dafür zu engagieren, lohne sich allemal.
Die neue Spielzeit 2022/23 im Theater Ravensburg beginnt am Donnerstag, 20. Oktober, mit der Premiere „DER NACKTE WAHNSINN“ von Michael Frayn.
Michael Frayns bekannte Komödie findet ihren Weg ins Theater Ravensburg. Eine Liebeserklärung an den Moment, in dem der Vorhang auf geht. Wer immer schon einmal wissen wollte, was hinter der Bühne alles schiefgeht, während die Vorstellung läuft, ist hier genau richtig. Also für alle, die mal wieder richtig Spaß haben wollen und die Theater lieben.
Es spielen: Laura Sauer, Paula Schäfer, Ana Schlaegel, Jutta Klawuhn, Tobias Bernhardt, Marco Ricciardo, Markus Hepp, Sebastian Prasse, Jörg Bruckschen, Regie: Alex Niess.
Weitere Spieltermine:
- /22./27./28./29. Oktober
- /25./26. November
- /2./3./29./30./31. Dezember
Der TALK mit Wolfram Frommlet
Gespräche über die Zukunft
Premiere: Mittwoch, 26. Oktober, 20 Uhr
Die Gäste: Andreas Knitz, Architekt & Künstler, „Die Grauen Busse“
Stefania Pitscheider Soraperra, Direktorin Frauenmuseum Hittisau
Regina Hagen, Zeitschrift „Wissenschaft & Frieden“, Netzwerk „Friedenskooperative“
Musik Andieh Merk
Der TALK – nicht die austauschbaren Polit-Phrasen, sondern Gespräche mit Menschen, die was zu sagen haben – zu all jenen Themen, für die uns nicht viel Zeit bleibt. Gespräche über den Irrsinn und das Ende des Wachstums, über Widerstand und konkrete Utopien. Im besten Sinne provokative Gespräche.
Pro TALK-Abend unterhalten sich zwei bis drei Gäste aus der Region, in getrennten Gesprächen, zu einem gesellschaftlich aktuellen und brisanten Thema mit dem Ravensburger Moderator Wolfram Frommlet. Zwischen den Gesprächen spielen Musiker*innen aus der Region.
Weiterer Termin:
Mittwoch, 30. November, 20 Uhr
Die Gäste:
Prof. Wolfgang Ertel, FH Weingarten
Udo Gattenlöhner, Global Nature Fund, Radolfzell; Bio-Bäuerin Anneliese Schmeh, Lippertsreute
Text und Fotos: Roland Reck
