Weingarten - BLIX sprach bereits vor sechs Jahren mit Prof. Dr. Wolfgang Ertel von der Hochschule Ravensburg-Weingarten über die Entwicklung und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. (BLIX Jan/Feb 2017) Der Wissenschaftler hat das Institut für Künstliche Intelligenz an der Hochschule aufgebaut und ist als Verfasser eines Lehrbuches Experte vom Fach. BLIX fragte nach.
Herr Prof. Ertel, was ist Künstliche Intelligenz (KI) in Kurzform?
Die KI erforscht, ob und wie Computer Dinge tun können, die wir Menschen heute noch besser können.
Ist der Chatbot tatsächlich ein Quantensprung oder nur ein Marketing-Gag? Was hat es damit auf sich?
Chatbots gibt es schon seit Joseph Weizenbaum 1966 sein Programm ELIZA zur Demonstration der Verarbeitung natürlicher Sprache durch Computer veröffentlichte. ELIZA wurde als Meilenstein der KI gefeiert und zur Überraschung des Erfinders von vielen Menschen als Gesprächspartner genutzt. Aber ELIZA hatte kein Verständnis der Inhalte, sondern konnte im Wesentlichen nur zuhören und ganz einfaches Feedback geben. Ganz anders stellt sich die Situation dar bei ChatGPT, das mit Wissen im Umfang von 10 Millionen Büchern aus Wikipedia, sozialen Netzen und Büchern trainiert wurde. Ein echter Quantensprung erfolgte beim Verstehen und auch beim Generieren natürlicher Sprache. Die Deep Learning Netze haben eine gewisse Ähnlichkeit mit den neuronalen Netzen in unserem Gehirn. Sie arbeiten viel besser als die bisher favorisierten logikbasierten Modelle, die mit Grammatiken arbeiten, wie wir sie aus der Schule kennen: Subjekt, Prädikat, Objekt etc.
Mit dem Chatbot ist die Künstliche Intelligenz endgültig im öffentlichen und damit auch im politischen Raum angekommen. Freuen Sie sich als Wissenschaftler darüber?
Ja klar, ich bin begeistert über diesen Durchbruch. Auch und gerade weil der Durchbruch mit einem lernfähigen System und nicht mit klassischer Logik erfolgte. Schon 1987 als ich in der KI anfing, war mir klar, dass Maschinelles Lernen die Zukunft der KI ist. Und nun sieht die ganze Welt, was damit möglich ist. In naher Zukunft werden KI-Systeme (fast) alle Spezialaufgaben dieser Welt besser lösen können als wir Menschen.
Welche gesellschaftlichen Veränderungen wird dieser technologische Fortschritt haben?
Die Arbeitswelt wird sich ganz schnell dramatisch verändern. Nicht nur stupide Routineaufgaben werden die KI-s lösen können, sondern höchst anspruchsvolle intellektuelle Arbeiten. Zum Beispiel in der Krebsdiagnose sind die besten KI-Systeme teilweise schon heute viel besser als die besten Ärzte. Autonomes Fahren wird Taxifahrer und LKW-Fahrer arbeitslos machen und Übersetzungsbüros werden durch Deep Learning und ChatGPT ersetzt und so weiter.
Das hört sich fast ein wenig nach Paradies an. Aber mindestens genau so sehr nach Hölle. Ich fürchte, dass viele unserer Mitmenschen immer dümmer werden. Das Navi nimmt uns schon heute das Orientieren in Natur und Stadt ab. Durch ChatGPT werden wir das Schreiben verlernen. Auch wird die Kreativität nachlassen, denn statt selbst nachzudenken, fragen wir doch lieber gleich mal die KI. Und weil solche KI-s auch wunderbar dazu dienen, andere Menschen zu manipulieren, sehe ich ganz große Gefahren, dass mächtige Player wie etwa Staatschefs, große Firmen und politische Parteien uns noch viel subtiler manipulieren als das heute schon der Fall ist. Wer nicht in der Lage ist, äußerst kritisch mit allen Informationen umzugehen, wird zur Marionette von Werbung, Lobby und Konsumzwang werden.
Und damit sind wir beim Schulsystem, inklusive den Hochschulen. Die erwähnte Kritikfähigkeit wird das A und O der zukünftigen Bildung sein. Das analytische Denken muss an erster Stelle stehen. Und das lernt man am besten in den mathematisch, naturwissenschaftlichen Fächern. Und in praktischen Projekten, wie etwa im Werkunterricht oder draußen in der Natur.
Welche Folgen wird es für die Wissenschaft haben, wenn zwischen erlerntem Wissen und künstlichem Wissen nicht mehr unterschieden werden kann?
Irgendwann, in vielleicht zwanzig bis fünfzig Jahren werden die besten KI-s uns Menschen in der Wissenschaft eventuell ablösen, weil sie einfach klüger sind. Und wir werden nicht mehr verstehen, was die KI erforscht. Das könnte die ultimative Folge für die Wissenschaft sein. Und nicht nur für die Wissenschaft, sondern für die Menschheit als Ganzes.
Es findet gerade ein Wettrennen um die Künstliche Intelligenz statt. Im globalen Wettstreit insbesondere zwischen den USA und China wird es sogar mit dem Wettrüsten verglichen. Das klingt nach politischem Sprengstoff. Ist das Schwarzmalerei?
Sicherlich gibt es hier zu Recht Konkurrenz und auch große Ängste, den Anschluss zu verlieren. Der Aufwand, solch eine KI zu bauen, ist durchaus beachtlich. Zum einen wird teure Hardware benötigt und gute KI-Experten, aber vor allem werden zum Training der KI-s unsere Daten benötigt, welche die großen Provider (Google, Facebook, Microsoft etc.) sammeln. Die großen Player werden also immer noch mächtiger. Vermutlich ist es schon jetzt zu spät, dass die Politik diese Giganten in die Schranken weist.
Die größte globale Herausforderung in Gegenwart und Zukunft ist die Klimakrise. Politik und Wirtschaft sehen im technologischen Fortschritt die Lösung. Kann die KI zur Bewältigung der Klimakrise beitragen?
Die KI kann natürlich genutzt werden, zum Beispiel zur intelligenten Steuerung von Heizungen und Autos, was zum Energiesparen und zum Klimaschutz beiträgt. Das sind aber marginale Effekte, die das Klima niemals retten werden. Ganz im Gegenteil. Die KI ist zur Zeit der stärkste Motor des Wirtschaftswachstums. Die durch KI-Systeme bedingten Reboundeffekte werden dazu führen, dass der CO2-Ausstoß steigt. Am Beispiel von Servicerobotern habe ich das in [1] gezeigt. Autonom fahrende Autos werden viel effizienter und sparsamer sein als klassische, aber weil deren Nutzung sehr komfortabel und gleichzeitig günstig sein wird, werden wir den neuen Service exzessiv nutzen und damit die Umwelt eventuell noch mehr zerstören.
Die Politik muss solche Exzesse durch Regeln, Steuern und wenn nötig auch Verbote verhindern.
Bei unserem letzten Gespräch über die KI vor sechs Jahren haben Sie prophezeit, dass in fünf Jahren die autonome Mobilität selbstverständlich sein wird und dass autonome Taxi, also Autos ohne Fahrer, den ÖPNV ersetzen wird. Davon ist noch nichts zu sehen. Wie erklären Sie diese falsche Prognose?
Ja, die Prognose war falsch. Ich habe da zu naiv an die durch den weltweiten Konkurrenzdruck entstandenen Pressemeldungen aus der (auch deutschen) Industrie geglaubt. Übrigens: Schon seit 2016 gibt es in einigen Städten in USA und Asien Robotertaxis. Seit 2018 fährt WaymoOne (Google-Tochter) voll autonom und kommerziell in Phönix (Arizona). Die Technik funktioniert also. Allerdings fehlt noch das letzte Epsilon, damit es auch in chaotischen Situationen in europäischen Städten sicher klappt. Eine italienische Altstadt ist doch noch was anderes als eine schachbrettartige Stadt mit breiten Straßen wie in Phönix. Aber das ist eine Frage von wenigen Jahren. Die derzeitigen Prognosen liegen bei etwa 2030. Mal sehen.
Ich habe aber noch eine ganz andere Vermutung. Ein sofortiger weltweiter Start der Robotertaxis würde zu einer gewaltigen Disruption in der Autoindustrie führen. Ein Großteil insbesondere der Jugend würde sich kein Auto mehr kaufen. Das wäre das Ende für viele Autobauer, insbesondere für die deutschen Premiummarken. Da geht es um sehr viel Geld. Ich habe den Eindruck, es gibt einen Konsens aller beteiligten Firmen, erst mal das fossile Modell bis zum Exzess auszureizen, um dann uns allen ein E-Auto zu verkaufen. Und dann wäre es an der Zeit, nochmal die ganze PKW-Flotte durch autonome Taxis zu ersetzen. Alles deutet darauf hin, dass es so kommen wird. Das wäre für Klima und Umwelt fatal. Viel besser wäre es, sofort mit dem Umstieg auf sparsame elektrische Robotertaxis zu starten.
Sie sind Wissenschaftler und Aktivist. Verträgt sich das?
In der heutigen Zeit MÜSSEN wir Wissenschaftler lauter werden. Leider sind die meisten meiner Kollegen ganz brave Staatsdiener oder Gehilfen ihrer Konzerne, die gar nicht erst auf die Idee kommen, zu hinterfragen, ob das was sie tun, für ihre Kinder und Enkel sinnvoll ist. Und genau das Hinterfragen müssen wir an den Unis lehren. Wissenschaft muss lauter werden! Übrigens hat die allseits bekannte Baumaktion von mir und Samuel Bosch an der Hochschule dazu geführt, dass ein Klimaschutzmanager eingestellt wurde, der sich ganz praktisch um Klima- und Umweltschutz an der Hochschule kümmert. Es lohnt sich also, als Aktivist mutig zu sein.
Übrigens: Keine meiner Antworten habe ich von ChatGPT schreiben lassen!
Referenzen:
[1] W. Ertel. Künstliche Intelligenz und der Freizeit-Rebound-Effekt. Informatik Aktuell, Juli 2021, https://www.informatik-aktuell.de/betrieb/kuenstliche-intelligenz/kuenstliche-intelligenz-und-der-freizeit-rebound-effekt.html
[2] W. Ertel. Visionen der künstlichen Intelligenz: Science Fiction oder nahe Zukunft? Transfer, das Steinbeis Magazin, 2021(03):8--11, 2021, https://transfermagazin.steinbeis.de/?p=11570
Autor: Roland Reck
