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Ulm - Es ist die Generation, die den Überlebenden des 1. Weltkrieges folgte, deren Kindheit von der Not und Wirrnis der Weimarer Republik bestimmt war und deren Jugend vom Nationalsozialismus besetzt wurde. Es sind Hitlers Kinder, die fanatisiert auf den Schlachtfeldern des 2. Weltkrieges verbluteten. Es ist die Generation von Hans und Sophie Scholl, den Geschwistern aus Ulm, die angeklagt wegen Hochverrats und Wehrkraftzersetzung am 22. Februar 1943 in München enthauptet wurden. Es geschah vor 80 Jahren.

Der Tod der Geschwister und weiterer Mitglieder der „Weißen Rose“, einer studentischen Widerstandsgruppe an der Münchner Universität, mahnt auch daran, dass man sehr wohl wissen konnte, wie verheerend das nationalsozialistische Regime wirkte – wenn man es denn wissen wollte! Das Vermächtnis der Geschwister zerstört deshalb auch die Nachkriegslüge „Wir haben es nicht gewusst“, deren wahrer Kern heißt: „Wir wollten es nicht wissen!“
Auch Sophie Scholl war als Heranwachsende den ideologischen Versuchungen gefolgt. Trotzdem dass sie mit vier Geschwistern in einem regimekritischen, protestantischen Elternhaus aufgewachsen war, ließ sie sich am Palmsonntag, 21. März 1937, in der damaligen Ulmer Garnisonskirche in Uniform konfirmieren, sie war stolze Scharführerin im nationalsozialistischen Bund Deutscher Mädel (BDM). Daran erinnert Andrea Luiking, Pfarrerin der einstigen Garnisons- und heutigen Martin-Luther-Kirche. Die ehemalige Pfarrerin in Ummendorf übernahm mit ihrem Wechsel nach Ulm auch die Leitung der dortigen Bildungseinrichtung „Haus der Begegnung“ und zählte zu den Initiatorinnen der Gedenkveranstaltungen anlässlich Sophie Scholls 100. Geburtstag am 9. Mai 2021.
Für die Pfarrerin ist Sophie Scholl „eine beeindruckende junge Frau, die den Mut zu konkretem Handeln gegen die Nazi-Diktatur gefunden hat. Damit ist sie für uns heute Ansporn zu prüfen, wo unsere Positionierung für Menschenrechte, Mitgefühl und gegen Rassismus gefragt ist. Zudem finde ich, Sophie ist ein Mensch, der in schonungsloser Ehrlichkeit mit sich selbst umgegangen ist. Ihre Fähigkeit, ihre Position grundlegend zu verändern, beeindruckt mich. Eine Heilige ist sie deshalb nicht. Sie war in ihrer emotionalen Art auch lange Zeit begeistert für die Jugendbewegung der Nazis. Stück für Stück hat sie dieses menschenverachtende System durchschaut und war bereit, dagegen zu kämpfen.“ Das klingt einfacher, als es war.
Die zeitlichen Umstände müssen bedacht werden, um die Bedeutung des Widerstandes der „Weißen Rose“ zu würdigen, der bereits eineinhalb Jahre vor dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 das Regime herausforderte. Im Januar 1943 tobte an der Wolga noch immer die Schlacht um Stalingrad, bis dahin galt die Wehrmacht als unbesiegbar, entsprechend fanatisiert war die deutsche Bevölkerung, derweil verschickten in München die Mitglieder des studentischen Widerstandes nicht zum ersten Mal regimekritische Flugblätter. Am 2. Februar kapitulierte in Stalingrad die 6. Armee unter der Führung von Generalfeldmarschall Paulus, und Mitte Februar 1943 wurde unter Mithilfe von Sophie Scholl das sechste Flugblatt fertiggestellt und mit dem Aufruf versandt, das NS-Regime zu stürzen und ein „neues geistiges Europa“ zu schaffen. Am 18. Februar verteilten Sophie und ihr Bruder Hans heimlich rund 1700 Flugblätter an der Münchner Universität und wurden dabei von einem Hörsaaldiener gestellt. Die Geschwister versuchten ihrem Schicksal nicht zu entfliehen.
War es ihr Glaube, der sie daran hinderte? Andrea Luiking: „Sophie stammt aus einer Familie, in der Glaube wichtig war. Ihre Mutter war ehemalige Diakonisse, ihr Vater eher kirchenferner Kultur-Protestant. Ihr ganzer Freundeskreis hat sich intensiv mit anderen Denkweisen und Denksystemen auseinandergesetzt. Ohne eine solche Fundierung hätten sie sich wohl kaum gegen das übermächtige System stellen können. Sophie hat sich intensiv mit Augustin, Predigten und biblischen Texten beschäftigt, und sie hat das und andere religiöse Literatur im Freundeskreis diskutiert. Zugleich hat Sophie mit Fragen nach Gottes Nähe und Gerechtigkeit gerungen. In ihrem Tagebuch finden sich viele Gebete, in denen sie schonungslos ehrlich um Gott ringt gegen ihre eigenen Zweifel. Die religiösen Texte haben ihr die Kraft gegeben, andere Werte zu verfolgen als die Nazis – auch mit dem Risiko zu sterben. Die Gefahr war ihr bewusst.“
Die 22-Jährige und ihr vier Jahre älterer Bruder wurden noch am Tag ihrer Verurteilung durch den aus Berlin angereisten Richter des Volksgerichtshofes Roland Freisler von Scharfrichter Johann Reichhart in München/Stadelheim mit dem Fallbeil enthauptet. Reichhart äußerte später, er habe noch nie jemanden so tapfer sterben sehen wie Sophie Scholl.
Erinnern heißt, so lautete die Frage zu ihrem 100. Geburtstag: „Was bedeutet Sophie Scholls Erbe für uns heute?“ Es gehe auch darum, Sophie Scholl im Gedenken nicht vereinnahmen zu lassen, erklärte Andrea Luiking vor zwei Jahren. Die Versuchungen dazu sind groß, wie die Pandemie offenbart hat, als „Querdenker“ sich bei ihrem Protest gegen die staatlichen Coronamaßnahmen auf die Widerstandskämpferin beriefen.
Viel zutreffender ist wohl der Gedanke, dass Sophie Scholl - Christin, Naturliebhaberin, Pfadfinderin und Biologiestudentin - sich vehement für den Klimaschutz einsetzen würde. Vermutlich mit Leib und Seele, weil sie nicht wegschauen, sondern wissen wollte und handelte.

 

Autor: Roland Reck

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