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Biberach - Die Zukunft findet im Museum statt. Zumindest wird sie dort verstärkt thematisiert. Beispiele gefällig?

 

Im Zeppelin Museum in Friedrichshafen werden technische Utopien der letzten 120 Jahren mit künstlerischen Positionen zum „Fetisch Zukunft“ konfrontiert, dessen Kern unsere Technikgläubigkeit ist, die uns in die Zukunft retten soll. Die Frage bleibt: In was für eine Zukunft? (BLIX, Jan/Feb 23, S.43) Und in der idyllischen Villa Rot bei Burgrieden wird in der neuen Ausstellung „Wir, die Zukunft“ die Frage behandelt, welche „Handlungsmacht“ bleibt uns „in einer globalisierten Welt“, und die Gäste werden dazu eingeladen, „die Zukunft gemeinsam zu denken und nachhaltig für alle zu gestalten“. Und im Biberacher Museum wird noch bis Mitte April „Konsum in der Kunst“ gezeigt und der Fragåe nachgegangen, wie viel Konsum(wachstum) verträgt unsere Zukunft (noch). (BLIX, Dez 22, S.10) Und zu den KünstlerInnen hat sich die Wissenschaft gesellt. Nicht minder pointiert.
„Ein Dogma muss überwunden werden“, lautet der Titel seines Vortrages, den Roland Koenigsdorff, Ingenieur und Professor an der Hochschule Biberach, im Rahmenprogramm der Biberacher Ausstellung zu Gehör brachte. Das Interesse war groß. Das Thema auch: Wirtschaftswachstum in Wahrnehmung und Wirklichkeit. Denn das sind zwei Paar Stiefel, behauptet der Professor, der sich mit Zahlen auskennt und sich zutraut, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, auch wenn er kein Ökonom sei. Das ökonomische „Goldene Kalb“ ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP), das in Wissenschaft und Politik das Wirtschaftswachstum beziffert. Und das den Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen umfasst, die während eines Jahres innerhalb der Landesgrenzen einer Volkswirtschaft als Endprodukte hergestellt wurden (so die Definition laut Wikipedia). Als variierende Prozentzahl taucht die mathematische und damit scheinbar objektive Größe regelmäßig in den Medien auf, kommentiert aus Wissenschaft, Politik und den Wirtschaftsressorts. Beruhigend, wenn zumindest eine Eins, besser eine Zwei vor dem Komma steht, alarmierend, wenn dem nicht so ist. Dann droht, so die Drohung, Rezession und Niedergang, der Wohlstand ist in höchster Gefahr – Wachstum muss sein!

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Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist immer noch die bestimmende Messlatte für das jährliche Wirtschaftswachstum.

Zur Historie: Das BIP als Indikator für den Zustand einer Volkswirtschaft ist eine Erfindung des Zweiten Weltkrieges, als es darum ging, eine komplexe Kriegswirtschaft politisch zu steuern. Bis dahin gab es auch in den entwickelten Industrieländern, die allesamt Krieg führten und enorme Ressourcen benötigten, kaum eine verlässliche Statistik über die nationale Wirtschaft. Mit dem BIP änderte sich das, und fortan wurde es zu einem Instrument, um politische Entscheidungen zu begründen oder zu verdammen. Koenigsdorff stellt für die Bundesrepublik fest, dass die wirtschaftliche Entwicklung wiedergegeben in den Prozentzahlen des BIP „von Dekade zu Dekade“ abnimmt. „Über lange Zeiträume betrachtet scheint das Wirtschaftswachstum in Deutschland, unabhängig von Einbrüchen und Aufschwüngen, zurückzugehen.“ Bullshit! Dem ist nicht so, erklärt der Wissenschaftler, und weist auf den banalen, aber wesentlichen Unterschied von Prozentzahlen und absoluten Zahlen hin. Das BIP als jährliche Erhebung stützt sich auf die absoluten Zahlen des Vorjahres.
Dankenswerter Weise hilft der Professor auch einem mathematischen Grablicht wie mir zur Erkenntnis. Koenigsdorff: „Bezogen auf zehn Euro entsprechen zwei Euro 20 Prozent, bezogen auf 20 Euro jedoch nur noch zehn Prozent.“ Also: „Mit jeder Verdoppelung der jährlichen Wirtschaftsleistung halbiert sich die so definierte prozentuale Wachstumsrate – sie wird sozusagen zum Opfer ihres eigenen Erfolgs. Was in den 1950er Jahren acht Prozent Wachstum waren, entspricht heute nur noch gut einem Prozent.“ Und wer es immer noch nicht glaubt, dem zeigt der Statistiker eine Grafik des BIP in absoluten Zahlen, die seit 1950 bis heute einen linearen kontinuierlichen Zuwachs aufzeigt. Nullwachstum ausgeschlossen.
Tolle Sache, weiter so! Und dieser Artikel könnte an dieser Stelle zu Ende sein. Doch die Klimakrise lässt das nicht zu und die aktuelle Ausstellung im Biberacher Museum auch nicht, schließlich geht es dort um unser aller Konsum, der als wesentlicher Wachstumstreiber gilt. Deshalb: Wer diese globale Krise ernst nimmt, der muss sich mit der Wirtschaft beschäftigen. Roland Koenigsdorff tut das ganz pragmatisch als Ingenieur und Professor für Energiesysteme und deren Effizienzsteigerungen, (was fachlich sehr verkürzt ist). Sein Fazit: „Die globalen CO2-Emissionen konnten zwar ein Stück weit vom Wirtschaftswachstum entkoppelt werden, nehmen aber nach wie vor zu.“ Aber das Gegenteil muss der Fall sein, soll das Pariser 1,5-Grad-Ziel der Klimaerwärmung noch erreichbar sein. Koenigsdorff: „Das heißt: Bislang haben es weder die Welt insgesamt noch die Industrieländer geschafft, den mit der Wirtschaft wachsenden Ressourcenverbrauch hinreichend zu kompensieren. Die meisten erreichten Verbesserungen werden vom Wachstum aufgezehrt. Vor allem in den reichen Ländern sind deshalb weitaus stärkere Anstrengungen in deutlich höherem Tempo als bisher erforderlich. Gleichzeitig können und dürfen wir armen Ländern ein Wirtschaftswachstum auf ein angemessenes Niveau nicht verwehren.“
Und was hat es mit dem eingangs erwähnten Dogma auf sich? Dazu zitiert der Professor nun doch einen Wirtschaftswissenschaftler, der bereits 1957 (!) konstatiert hat: „Wir werden sogar mit Sicherheit dahin gelangen, dass zu Recht die Frage gestellt wird, ob es noch immer richtig und nützlich ist, mehr Güter, mehr materiellen Wohlstand zu erzeugen oder ob es nicht sinnvoller ist, unter Verzichtleistung auf diesen ‚Fortschritt‘ mehr Freizeit, mehr Besinnung, mehr Muße und mehr Erholung zu gewinnen.“ Es war der „Vater der sozialen Marktwirtschaft“ und des „Wirtschaftswunders“: Ludwig Erhard (CDU).
Ein Zuhörer: „Mir fehlt der Glaube, dass sich grundlegend etwas ändern lässt.“
Roland Koenigsdorff: „Die Politiker sind wir!“

 

INFO:

Museum Biberach:
Konsum in der Kunst, bis 16. April www.museum-biberach.de
Zeppelin Museum Friedrichshafen:
Fetisch Zukunft - Utopien der dritten Dimension, bis 16. April
www.zeppelin-museum.de
Museum Villa Rot, Burgrieden/Rot:
Wir, die Zukunft! Handlungsmacht in einer globalen Welt, bis 11. Juni www.villa-rot.de
(Dabei fällt auf: alle drei Ausstellungen stammen aus Frauenhand! Zufall oder nicht?)

 

Autor: Roland Reck

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