Der Wald ist ein Seelenort und deshalb auch ein Sehnsuchtsort. Das hat sich in der Zeit der Pandemie mit ihren Kontaktsperren noch einmal deutlich gezeigt. Und den Deutschen wird überdies ein besonderes emotionales Verhältnis zu „ihrem“ Wald nachgesagt, der jedem offen steht, egal wer ihn besitzt. Bei so viel Zuneigung, Ansprüchen und Erwartungen sind Konflikte unvermeidlich. Der Weihnachtsbaum taugt dafür als Symbol im Familiären, wofür der Altdorfer Wald, Oberschwabens größtes Waldgebiet, eine größere Bühne bietet. Der über 8000 Hektar große Waldrücken, der sich von Aulendorf bis nach Waldburg erstreckt, ist Bühne für viele Akteure in einem Stück, in dem es um Liebe, Ansprüche, Erwartungen und Enttäuschungen geht. Ein vorweihnachtlicher Waldgang.
Der Gegensatz könnte nicht größer sein. Die Fahrt von Aulendorf nach Vogt geht quer durchs hügelige Oberschwaben. Auf kurvigen Straßen durch Wiesen und Wälder. Der Herbstwald schillert bunt und die Wiesen sind Anfang November noch satt grün, Kühe tummeln sich noch auf der Weide. Ungewöhnlich, aber schön – und schöner, am schönsten mit den sonnenbeschienen Alpen am Horizont. Zum Greifen nah. Oberschwäbische Idylle nicht im Bilderbuch, sondern ganz real.
Im Autoradio laufen die Nachrichten und der UN-Generalsekretär Antonio Guterres eröffnet die 27. Weltklimakonferenz weit hinter den Alpen in Scharm el-Scheich in Ägypten. Die Deutsche Welle meldet dazu: „Auf der COP27 herrscht Alarmstimmung“ und zitiert dazu den Generalsekretär: „Wir sind auf einem Highway in die Klimahölle und haben den Fuß auf dem Gaspedal.“
Was ist real? Die oberschwäbische Idylle, die ich sehe und fühle, oder die globale Katastrophe, die ein wichtiger Mann weit weg eindrücklich beschwört? Guterres: „Die Menschheit hat die Wahl: zusammenarbeiten oder untergehen.“ Entweder es gibt einen „Klimasolidaritätspakt oder einen kollektiven Selbstmordpakt“. Der Gegensatz ist irreführend: die Idylle ist Teil der Katastrophe. Beides ist real.
Ich nehm’ den Fuß vom Gaspedal und parke vor dem wunderschön gelegenen Waldfriedhof in Vogt, der Treffpunkt mit Bernhard Dingler, dem forstlichen Chef im Altdorfer Wald, mit dem ich mich an diesem Nachmittag zu einem Waldgang verabredet habe.

Das Luftbild zeigt das Kieswerk Tullius in dessen Nähe sich der Baumbühlweiher befindet, wo das Gespräch mit Bernhard Dingler stattfand. Siehe nebenstehendes Bild. Foto: Dingler

Bernhard Dingler, Leiter des Forstbezirks Altdorfer Wald, erklärt die vielfältigen Funktionen, die der Wald übernimmt, und die vielfältigen Aufgaben, die die Förster übernehmen. Foto: Reck
Bernhard Dingler, Leiter des Forstbezirks Altdorfer Wald, führt mich zuallererst auf den Friedhof, um mir eine botanische Besonderheit zu zeigen. Vor der schmucken Kapelle mit viel Holz, wie es sich für einen Waldfriedhof gehört, wächst eine Araucaria. Ein Baum aus Südchile, der aussieht als ob er grüne Schuppen hätte, deren Enden aber nadelspitz sind. „Den verbeißt kein Reh“, scherzt Dingler. In Chile sei die Kiefernart ein „Brotbaum“, aber er tauge nicht als Ersatz für die Fichte hierzulande. Der 60-Jährige weiß, wovon er spricht, er war Ende der 90er Jahre mit dem Deutschen Entwicklungsdienst zwei Jahre in dem südamerikanischen Land im Einsatz.
Im Auto geht’s weiter durch den rund 8000 Hektar großen Forst, zu dem auch das Vogter Revier gehört. Der Forstmann freut sich an dem Waldbild: geprägt von alten Fichten, unter deren Kronendach die Waldverjüngung heranwächst, Buchen und Tannen sind es hauptsächlich. Die Tännlein werden vor Wildverbiss geschützt, die über mannshohen Buchen haben es auch ohne geschafft – weil intensiv gejagt werde, erklärt Dingler. Der Altbestand an Fichten, viele 80 bis 100 Jahre alt, wird in den kommenden Jahren gefällt, und macht dann einem Mischwald aus Buche und Tanne Platz – vorausgesetzt der Klimawandel macht den Förstern keinen Strich durch die Rechnung. Denn die heimischen Baumarten leiden alle mehr oder weniger an der zunehmenden Hitze und Trockenheit. Dabei kam der Altdorfer Wald in den letzten Jahren noch glimpflich davon, die Borkenkäfer hielten sich zurück, freut sich Dingler. Doch die Reduktion der Fichte, die einst 90 Prozent des Vogter Revieres eingenommen habe und heute nur noch 50, sei der richtige Weg. Dennoch brauche man sie, die viel Gescholtene, zum Beispiel an den Rändern von moorigen Standorten.
Entweder-oder ist nicht Dinglers Ding. Dafür habe der Wald viel zu viele Ansprüche zu erfüllen und auch zu ertragen, erklärt der Forstmann, und verweist vom Waldkindergarten bis zum Motocrosstrail, nicht alles sei erlaubt, aber jeder habe das Recht, sich im Wald frei zu bewegen. Egal ob Jogger, Mountainbiker, Jäger oder Pilzsucher. Was den Wald und seine Tiere strapaziert und die Förster, die damit umgehen müssen. Wald ist Raum für viele.

Alte Fichten, junge Tannen und Buchen: ein Waldbild, wie es häufig im Altdorfer Wald zu sehen ist und hoffentlich für die Zukunft als Mischwald dem Klimawandel standhält. Foto: Klaus Wäscher
Und es haben sich weitere Gäste eingefunden. Dort, wo vor über 200 Jahren Oberschwabens letzte Räuber, der Schwarz Vere und seine Spießgesellen, sich vor ihren Häschern versteckten, hocken heute junge „Aktivistis“ auf den Bäumen, um diese vor der Motorsäge und damit vor dem Kiesabbau zu schützen. Die Natur ist seit über einem Jahr die Kulisse, vor der das dramatische Stück zur Aufführung kommt: „Wie wollen wir leben – wie können wir überleben?“ Eine Jugendszene aus nah und fern stellt die Hauptdarsteller: dem Konsum abgeneigt, dem Veganismus zugeneigt, fordern sie gewaltfrei konsequenten Klimaschutz statt Wirtschaftswachstum; unterstützt von örtlichen SeniorInnen, die im Herbst ihres Lebens die Sinnfrage stellen und im Kampf um den Schutz der Natur vor ihrer gutbürgerlichen Haustüre eine Antwort finden. Die Elterngeneration der Aktivistis, sofern sie sich nicht bei den Parents for Future engagiert, ist der Gegner, denn dort finden sich die Macher und Entscheider, die dem „Weiter so!“ frönen und mit dem Regionalplan einen „Höllenplan“ für die nächsten 15 bis 20 Jahre auf den Weg bringen wollen, der der Klimakrise in keinster Weise gerecht wird. So die Kurzfassung des Stücks, das umstritten ist und gerade eine Fortsetzung erfährt. Denn zum Kiesabbau, der für die alte Ökonomie der Ressourcenverschwendung und damit auch für die Klimakrise steht, sollen nun auch noch 40 Windräder für die post-fossile Zukunft den Wald zerstückeln. So der Plan der Landesregierung, die aus ihrem Windschlaf aufgewacht ist. Wie damit umgehen?
Den Kiesabbau nimmt Bernhard Dingler hin. Straßen und Häuser müssten gebaut werden und Geld verdienen lasse sich damit auch, lautet seine Kurzfassung und führt mich an einen neuralgischen Ort. Der Baumbühlweiher ist abgelassen, grauer Schlamm bedeckt den Grund, im sonst stillen Wald hört man das Grummeln und Scheppern des nahen Kieswerks Tullius. Am Damm, der den Weiher staut, finden Baumaßnahmen statt, auf der anderen Seite des Damms erstreckt sich eine großflächige Feuchtwiese, die in eine kleine Moorlandschaft übergeht. Eine Augenweide. Das kostet alles „ein Schweinegeld“, erklärt Dingler. Der Damm müsste vor den Bibern geschützt werden, und der Erhalt des Weihers und des Feuchtbiotops seien ökologische Maßnahmen, die finanziert werden müssten. Zum Beispiel mit Kies. Dazu gibt es einen Vorvertrag mit dem interessierten Unternehmen, das in der Nähe der kleinen Ortschaft Grund eine neue Kiesgrube ausheben will. Elf Hektar scheinen dem Förster verschmerzbar, und wo Wald ist, wird am Ende des Abbaus wieder Wald wachsen, versichert er. Natürlich sei es ein massiver Eingriff, aber die ökologische Wertigkeit könne am Schluss höher sein als zuvor, tröstet der drahtige Mann.

Seit eineinhalb Jahren leben Charlie Kiehne (links) und Samuel Bosch sommers wie winters in einem Baumhaus, um die Waldrodung für den Kiesabbau zu verhindern.
Bernhard Dingler wehrt sich gegen den Pranger, an dem er sich sieht. Auf die jungen Baumbesetzer ist er nicht gut zu sprechen, aber er duldet sie, was auch eine Unterstützung ist, ansonsten würde Samuel Bosch (19) und Charlie Kiehne (20) die Räumung drohen. Das junge Paar bildet den Kern der Szene, die je nach Jahreszeit wächst und schrumpft, und zwischen Oberankenreute und Wolfegg aus Protest gegen den Kiesabbau, wie er im Regionalplan festgeschrieben wurde, seit eineinhalb Jahren in Baumhäusern lebt. Der forstliche Pragmatiker sieht den jugendlichen Eifer kritisch und empfiehlt, dass die selbsternannten Waldschützer ihren Grips doch sinnvoller einsetzen sollten. Was Samuels Mutter die Tränen in die Augen treibt. Gudrun Bosch hat sich dem Weg ihres Sohnes angeschlossen, begleitet ihn, ist selbst aktiv in großer Sorge um die Zukunft ihrer zwei Söhne und deren Generation. Die 47-Jährige: „Ich will weiterhin in den Spiegel und den Kindern ins Gesicht schauen können.“ Außerdem helfe ihr der Protest – aktiv statt passiv zu sein –, um nicht an den Umständen krank zu werden.
„Ich lebe nicht seit einem Jahr in einem Baumhaus, weil ich einen Kick brauche, sondern weil es sein muss“, begründet ihr ältester Sohn sein momentanes Leben. Charlie, Freundin und Mitkämpferin aus Ulm, hat ein Einser-Abitur. „Ich habe immer super funktioniert und das wurde von mir dann auch mit einem Studium erwartet, und genau das will ich nicht: Ich suche nach anderen Lebensformen“, erzählen die beiden in der Online-Zeitung Kontext.
Verständnis für das jugendliche Aufbegehren haben die Mitglieder des Vereins Natur- und Kulturlandschaft Altdorfer Wald e.V.. Denn die Alten im Verein waren es, die mit dem Protest begannen, der schließlich die Jungen auf die Bäume trieb. Mit Verweis auf die Notwendigkeit von Wasser- und Waldschutz sammelte der Verein trotz Corona 13.000 Unterschriften für ein großflächiges Landschaftsschutzgebiet im Altdorfer Wald in der Hoffnung, damit den weiteren Kiesabbau zu verhindern. Ob das gelingt, hängt auch vom Regierungspräsidium ab, wo der langfristige Regionalplan, den die Jungen „Höllenplan“ schimpfen, zur Prüfung und Genehmigung vorliegt.
Gertrud Kording wohnt seit 20 Jahren in Wolfegg und ist Vereinsmitglied und Aktivistin. Die 74-Jährige, Tochter eines Försters, verdiente ihr Geld im Gesundheitswesen, Krankheit und Tod, aber auch die Liebe zum Leben begleiteten sie, und den Wald vor ihrer Haustür liebt und schützt die quirlige Frau. Deshalb kocht sie als „altes Huhn“, wie sie spottet, den „jungen Küken“ auf ihren Bäumen schon mal vegan und ärgert sich über „die Kriminalisierung der Jungen“, denen sie große Ernsthaftigkeit bescheinigt.
Der Wald birgt viele Überraschungen. Das war schon immer so. Den einen ist es Quell der Freude, den anderen ist es nicht geheuer. Nun sollen also bis zu 40 himmelhohe Windräder im Altdorfer Wald endlich Hilfe beim Ausbau der grünen Energie bringen, um die digitale Zukunft ohne Energiedebakel zu wuppen. So die Absicht der grün-schwarzen Landesregierung. Ob, wo und wie das geschehen könnte, wird bereits intensiv geprüft, es soll schließlich schneller gehen als in der Vergangenheit. Und der Blick in die ungewisse, aber mit Sicherheit krisenhafte Zukunft fördert offensichtlich eine Allianz der Zustimmung – unter Schmerzen. Denn der Eingriff in die Natur und in das Landschaftsbild wird gravierend sein. Die trutzige Waldburg aus dem Mittelalter, die steinerne Ruhe ausstrahlt und erhaben auf ihrem Berg weithin sichtbar ist, erhält Konkurrenz von über 200 Meter hohen Windmühlen, deren Zweck es sein wird, unaufhörlich zu rotieren.
Das muss einem nicht gefallen, und tut es auch nicht. Die Meinungen im Naturschutzverein von Gertrud Kording gehen auseinander, von kategorischer Ablehnung zu rationaler Duldung, „aber nicht in Schutzgebieten“, betont die Wolfeggerin. Ein Landschaftsschutzgebiet schließt Windkraft freilich nicht aus, und auch ein Biosphärengebiet lässt Windräder zu. Und selbst der Forstmann Bernhard Dingler und die jugendlichen Waldschützer aus dem Baumcamp sind sich einig, dass Windenergie von Nöten ist. Dazu müssten die Ressourcen vor Ort genutzt werden: „So schnell wie möglich regenerativ und regional“, erklärt Dingler, das sage er als einstiger „Windkraftskeptiker“.

Eine schwere Forstmaschine im Einsatz, was Naturschützer wegen der Bodenverletzungen kritisieren, aber ohne diese maschinellen Hilfsmittel sei eine großräumige Forstwirtschaft nicht mehr möglich, erwidern Förster. Foto: Reck
So könnte das Großprojekt unter der politischen Schirmherrschaft aus Stuttgart und Berlin Fahrt aufnehmen, wenn nicht militärischer Flugverkehr ihm den Garaus macht. Das könnte passieren, wenn sich die Bundeswehr und deren Hubschraubereinheit am Standort Laupheim quer stellen. Es geht um Einflugschneisen und Sicherheit, die schon bisher verhindern, dass im Kreis Biberach sich Windräder drehen. Es darf vermutet werden, dass in Stuttgart und Berlin einige rotieren, um diese Kuh vom Eis zu kriegen, denn schließlich geht es im Altdorfer Wald nicht nur um ein oder zwei Windräder, sondern um den größten Windpark im Land. Aber es geht eben auch um die neue Bedeutung des Militärs in Kriegszeiten.
Frieden, das muss das Ziel sein – auch mit der Natur. Ein Weg dorthin bietet das Konzept eines Biosphärengebiets. Ein solches soll es zum besonderen Schutz der vielen Moore als wichtiger Klimafaktor in Oberschwaben geben, so steht es im Koalitionsvertrag. Aber die Entscheidung darüber fällt in der Region. Jede davon betroffene Kommune gibt ihr Votum für oder wider der Teilhabe ab.
Biosphärengebiete oder -reservate sind großräumige Kulturlandschaften mit reicher Naturausstattung, die im Bundesnaturschutzgesetz nach § 25 als „einheitlich zu schützende und zu entwickelnde Gebiete“ definiert sind. Biosphärenreservate sind Modellregionen mit hoher Aufenthalts- und Lebensqualität, in denen aufgezeigt wird, wie sich Aktivitäten im Bereich der Wirtschaft, der Siedlungstätigkeit und des Tourismus zusammen mit den Belangen von Natur und Umwelt gemeinsam innovativ fortentwickeln können. Sicher ist, der Altdorfer Wald wird Teil davon sein. Und Bernhard Dingler begrüßt die Initiative ausdrücklich in BLIX (Juli 2021), „dass dieser Landschaftsraum nun als Biosphärengebiet entwickelt werden soll.“ Ein Biosphärengebiet sei „kein fertiges Produkt, sondern ein anspruchsvoller, langwieriger und spannender Prozess, erklärt Dingler. „Klar ist: ForstBW wird umfangreiche und hochwertige Waldgebiete in das zukünftige Biosphärengebiet einbringen und mit seinem Waldmanagement für die Schutz-, Entwicklungs-, Erholungs- und Bildungsfunktionen (Waldpädagogik) des Biosphärengebiets einen entscheidenden Beitrag leisten.“
Ziel eines Biosphärengebiets ist der Klima- und Artenschutz. „Es soll beispielhaft gezeigt werden, dass der Mensch die Biosphäre nutzen kann, ohne sie zu zerstören oder die Möglichkeiten zukünftiger Generationen zu gefährden“, heißt es in der Selbstbeschreibung, die wie Weihnachten klingt.
Wald ist wie Weihnachten: ein Hoffnungsraum!
Autor: Roland Reck
