Ochsenhausen - Es ist das Motto des Fördervereins Piela-Bilanga e.V. Ochsenhausen, der dieser Tage sein 40-jähriges Bestehen feierte. Das Motto beschreibt eine beispielhafte Erfolgsgeschichte, deren Fortsetzung vom Vorstand hier und dessen afrikanischen Partnern dort gewollt wird – trotzdem, dass viele kleine Orte in Burkina Faso, in Westafrika, von Banden bedroht werden, und viele kleine Leute deshalb um ihr Leben fürchten. „Wir lassen unsere Freunde nicht im Stich“, sagt Erwin Wiest, Vorsitzender des Vereins, bei der Jubiläumsveranstaltung in Ochsenhausen. Eine Botschaft, die die beiden Gäste aus Piela Esther Tiabonou und Josue Ouoba erfreut mit nach Hause nahmen. Eine Geschichte über eine Vision, die Hilfe brachte und Freundschaft schuf – in einer Welt, die vieles in Frage stellt.
Es begann vor 40 Jahren in einer anderen Welt: mit einer Mädchenschule für 5000 DM, mit evangelischen Missionarinnen und Krankenschwestern, die ein Krankenhaus in Piela unterhielten, das einzige weit und breit, in einem Ort mit einigen Tausend Einwohnern ohne Strom, fließend Wasser und Schulen. Es begann in einem Land in Westafrika, das Obervolta hieß, bitterarm aber friedlich war, trotzdem, dass rund 60 Ethnien in der ehemaligen französischen Kolonie zusammenlebten, in einem Staat, der in den 80er Jahren nach einem Militärputsch in Burkina Faso, Land der Aufrechten, umbenannt wurde. Seitdem wurden weitere 30 Schulen in der Region und eine zentrale Wasserversorgung in Piela gebaut, inzwischen eine Kleinstadt mit rund 15.000 Einwohnern. Mit weiteren unzähligen Kleinprojekten, die vorrangig Frauen förderten, summiert sich die Spendensumme in all den Jahren auf 2,5 Millionen Euro. Und weitere 2 Millionen Euro akquierierte der Verein für seine Projekte vom Ministerium für Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ). Als Folge der Hilfe aus Oberschwaben konnten über 10.000 Kinder in der Region um Piela-Bilanga zur Schule gehen, viele davon barfüßig. Eine gewaltige Leistung.
Vor 40 Jahren hatte die Welt eine Ordnung. Es gab den reichen Norden und den armen Süden – und Menschen, die sich damit nicht abfinden wollten. Erich Reck war einer davon. Als der Förster 1980 von einem Besuch bei seinem Sohn aus dem Sahel zurückkehrte, hatte ihn nicht nur das „Afrikafieber“ gepackt, sondern er war beseelt von der „Revolution der Barfüßigen“, jenen Bericht des Club of Rome, der Bildung als wichtigste Voraussetzung für Entwicklung sah und Hilfe zur Selbsthilfe als Kooperation von Basisorganisationen empfahl, die Barfüßigen sollten Akteure werden.

Erwin Wiest, Vorsitzender des Vereins, und die Partner aus Piela, Esther Tiabonou und Josue Ouoba, feierten gemeinsam mit vielen Gästen das Vereinsjubiläum in Ochsenhausen.
1982 war es so weit: Mitglieder der SPD Ochsenhausen und der Evangelischen Kirche gründeten den Verein „Schulen für Piela“. Erwin Wiest, Bauingenieur und heutiger Vorsitzende des Vereins, war Gründungsmitglied und erinnert sich an die Diskussion über die Besonderheit in der Satzung, die festschrieb, dass die Dauer des Verein sich auf zehn Jahre begrenzt und der Verein sich neu konstituieren muss, wenn die Mitglieder dies wollen und beschließen. Damit waren die Mitglieder in der Pflicht, sich regelmäßig über den Zweck des Vereins neu zu verständigen. Und an Stelle der evangelischen Schwestern in Piela, die anfangs die Partnerinnen vor Ort waren, organisierte sich zum Verein in Oberschwaben das afrikanische Pendant als Association Piela-Bilanga (APB), die Partnerorganisation wickelt ab, was gemeinsam beschlossen wird. Es ist ein Erfolgsmodell, dessen Früchte nun bedroht sind. Denn die Welt hat sich dramatisch verändert.
Burkina Faso war über Jahrzehnte ein Land, das wenig Schlagzeilen lieferte. Die gelegentlichen Putschs waren Sache des Militärs, das Leben ging weiter. Es gab die Toleranz zwischen den Ethnien und den Religionen. Die Menschen und das Land waren friedlich. Der Staat war schwach, aber stabil. Davon kann keine Rede mehr sein. Die staatliche Macht ist auf einem Drittel des Landes nicht mehr existent, davon betroffen ist auch die Region Piela-Bilanga. Es herrschen bewaffnete Banden, die motorisiert auftauchen, Angst und Schrecken verbreiten, und wieder verschwinden. Sie werden als „nicht identifizierbare“ Gruppen bezeichnet, aber haben die Macht. Die Situation ist diffus und von Region zu Region auch unterschiedlich. Im Norden des Landes, das in etwa der Größe Deutschlands entspricht, infiltrieren marodierende Dschihadisten aus Mali das Land, brutal und blutig fordern sie das Militär heraus, das schlecht ausgerüstet Verluste zu beklagen hat und demotiviert erscheint. Im Osten, wo Piela und Bilange sich befindet, grenzt Burkina Faso an Niger an. Große Gebiete sind „Busch“, das Rückzugsgebiet für die Banden, deren Zusammensetzung auch die afrikanischen Gäste nicht näher beschreiben können. Aber es sollen, laut offizieller Einschätzung, 80 Prozent der Bandenmitglieder sich aus dem Land selbst rekrutieren. Was auf Armut, soziale Unzufriedenheit und fehlende Perspektive schließen lässt. Der Weg durch die Wüste und übers Mittelmeer wäre die Alternative. Die Forderungen der „Unidentifizierbaren“ greifen zwar islamistische Inhalte auf, wie die Verschleierung der Frauen, was aber nicht konsequent durchgesetzt wird, ebenso fehlt ein politisches Programm und es fehlen auch erklärte Anführer, die als Ansprechpartner auftreten. Und während in Bilanga sämtliche Schulen geschlossen wurden, funktionieren im 20 Kilometer entfernten Piela noch ein Großteil, nicht aber im Umland, wo die Lehrer und Schüler vertrieben wurden. Es ist latenter Terrorismus, der die Menschen einschränkt und verängstigt, aber sie dennoch hoffen und deshalb bleiben lässt. Es ist Gott vertrauen. Und die Mitglieder der Association (APB) wollen auch an ihren Projekten weiterarbeiten. Wie soll das gehen?

Der Brunnen und der Wasserturm für die Versorgung der Menschen in Piela mit sauberem Wasser wären ohne die Hilfe aus Oberschwaben nicht möglich gewesen.
Nach 40 Jahren ist es auf jeden Fall eine Zäsur. Im Beisein der afrikanischen Partner hat der Vorstand entschieden, den Schwerpunkt „von Hardware auf Software“ zu verschieben, wie der Vereinsvorsitzende mitteilt. Für seine Schulbauprojekte nahm der Verein bisher schon die staatliche Unterstützung aus dem Entwicklungshilfeministerium in Anspruch, was extrem zeit- und arbeitsintensiv war und „wegen fehlender Sicherheit“ in Burkina Faso vorerst keinen Sinn mehr macht. Das Hauptaugenmerk soll zukünftig auf „Mikroprojekte“ gelegt werden, erklärt Erwin Wiest, sie seien „weniger anfällig für Attacken aus dem Busch“.
Das Gesicht der Welt hat sich verändert. Nach 40 Jahren Hilfe zur Selbsthilfe steht vieles in Frage – aber nicht die Verbundenheit mit den Menschen in der Region Piela-Bilanga. Das war unwidersprochen die Botschaft der Geburtstagsfeier im katholischen Gemeindehaus in Ochsenhausen. Die Hilfe geht weiter!
Spendenkonto
DE95 6545 0070 0000 6230 85
Kreissparkasse Biberach
Autor: Roland Reck
