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Otterswang/Ravensburg - Erntedank, das war bisher mehr Folklore als ernst gemeinte Besinnung. Wozu danken, es gab ja alles! Dann kam der Krieg, der die Kornkammern in der Ukraine, wenn nicht zerstörte, so doch blockierte. Und der Kampf ums Gas macht Energie zum teuren Gut, unerschwinglich für viele, ohne Hilfe droht der Ruin. Die CDU lädt zum „regionalen Ernährungsgipfel“, um über „Ernährungssicherheit in Zeiten von Krieg, steigender Inflation und gesamtgesellschaftlichen Erwartungen“ zu diskutieren. Das hat niemand erwartet. Es herrscht Krieg vor unserer Haustür und die Sorge um das täglich’ Brot ist plötzlich nicht mehr nur frommes Gebet, sondern real.

 Man braucht nur Christian Laux zuhören. Der Bäckermeister aus Otterswang schildert den zwei Dutzend Teilnehmern in der Ailinger Mühle, wohin der CDU-Bezirksvorsitzende Thomas Bareiss am 12. September geladen hatte, seine Misere. Laux betreibt einen typischen Familienbetrieb mit 15 Beschäftigten und hat derzeit wie andere energieintensive Betriebe mit Kostenexplosionen zu kämpfen. Er berichtet von monatlichen Gaskosten, die von 1000 auf bis 5000 Euro angestiegen seien, und einer Stromrechnung, die sich auf 3000 Euro verdoppelt habe. Und damit nicht genug! Auch die Preise für seine Rohstoffe seien mittlerweile teilweise doppelt so hoch, obwohl er zu rund 90 Prozent regionale Produkte beziehe. Bei der Suche nach einem neuen Stromvertrag habe er die bittere Erfahrung gemacht, dass für seine Verbrauchsmenge derzeit kein Lieferant zu finden sei. Laux fassungslos: „Es ist absurd: Keiner will einer Bäckerei Strom liefern.“ Das klingt dramatisch und ist es auch. Und der 39-Jährige macht klar, dass der Wirtschaftsminister falsch liegt, wenn er glaubt, dass Handwerksbetriebe mal kurzzeitig das Geschäft schließen könnten, weil ihnen die Kosten über den Kopf wachsen. „Wenn ein Bäcker aufhört, hört er auf und macht nicht nach einem halben Jahr wieder weiter.“ Denn zu den Mehrkosten, die mit rund 7000 Euro etwa 15 Prozent seines Umsatzes ausmachten, komme eine spürbare „Kaufzurückhaltung“, die sich auch mit zehn Prozent am Umsatz bemerkbar mache, erzählt der Bäckermeister ratlos. Preiserhöhungen seien unausweichlich, aber 20 Prozent mehr für das Brot, das könne er seinen Kunden nicht zumuten. Der Weg zum Discounter sei schließlich nicht weit.

 

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Nahrungsmittel, die nicht der Norm entsprechen oder nicht mehr ganz frisch sind, werden meist als Abfall entsorgt. Dagegen engagiert sich in Ravensburg und Weingarten der Verein Foodsharing. Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder 0 1516 113 218 7 (Simon).

 

Die Betroffenheit in der Ailinger Mühle ist spürbar, und die politischen Forderungen vom Podium sind bekannt: sie gehen alle zu Lasten von Natur und Umwelt. Mit einer Ausnahme. Der Landtagsabgeordnete Klaus Burger aus Sigmaringen hat für den Bäcker zwar auch kein Rezept, aber legt den Finger in die Wunde der Lebensmittelverschwendung, „die wir uns aus ethischen und wirtschaftlichen Gründen nicht leisten können“, sagt der Christdemokrat. Rund 11 Millionen Tonnen Lebensmittel würden in Deutschland laut Statistischem Bundesamt pro Jahr im Abfall landen, kritisiert Burger, oder 78 Kilogramm pro Person. Ein Skandal!

 

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„Foodsaver“ Aline Steger (links), Charlie Kiene (rechts) und Samuel Bosch sammeln Lebensmittel auf dem Ravensburger Wochenmarkt, um sie anschließend kostenlos an Bedürftige abzugeben. Foto: Reck

 

Da spricht der CDU-Mann den beiden Aktivisten in Ravensburg aus dem Herzen. Charlie Kiene (20) und Samuel Bosch (19) sind am Samstag auf dem Wochenmarkt in Ravensburg unterwegs und helfen an diesem Markttag Aline Steger vom Verein Foodsharing übergebliebene Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden können, bei den Händlern abzuholen und sie anschließend beim „Fairteiler“ in der Herrenstraße an die dort Wartenden zu verteilen. Innerhalb einer Viertelstunde sind die großen, prall gefüllten Tragetaschen leer.
Die beiden Aktivisten sind Baumbesetzer im Altdorfer Wald, wo sie gegen den geplanten Kiesabbau protestieren, und sind mit dem Fahrrad in die Stadt gekommen, um ihrer Strafe nachzukommen: zehn Stunden Sozialdienst. Ihr Vergehen: sie haben „containert“, indem sie aus einem Abfallcontainer eines Supermarktes dort entsorgte Nahrungsmittel an sich genommen haben, um sie an Bedürftige weiterzugeben. Vor dem Amtsgericht stellt sich die Frage: Lebensmittel gerettet oder Lebensmittel geklaut? Für die Richterin war es Diebstahl, so will es das Recht. Das Paar nimmt es sportlich und lässt anlässlich ihres Einsatzes auf dem Ravensburger Markt wissen: „Essensretter*innen müssen zur Strafe Essen retten.“ Ihr jugendlicher Humor schützt sie vor Frust, denn ihr Protest ist „hartes Brot“.
Wozu also Erntedank? Der Bio-Landwirt und -Händler Steigmiller in Ummendorf erklärt es so: „Der Erntedank erinnert uns an unsere Verantwortung für einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen und Natur: Mensch und Natur können nur im Einklang existieren.“ So klug kann Werbung sein!

 

Autor: Roland Reck

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